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Biografie - Sadist


1991 startet die Geschichte einer der besten Bands, die Italien je
hervorgebracht hat. Nachdem die Jungs eine Mini-LP aufgenommen haben,
geht es bei der Band bergauf. Zwischendurch verliert die Band zwar
ihren Sänger, schrumpft auf Triogröße, doch der
Plattendeal ist in Sicht. Basser Andy übernimmt also auch noch
den Gesang, Gitarrist Tommy, der Kopf von Sadist, spielt nebenbei noch
Keyboards, was zu dieser Zeit ja ein ziemlich ungewöhnliches
Instrument für eine Metal-Band ist und Drummer Peso hat nach dem
Ende von Necrodeath ein neues Zuhause gefunden. In dieser Besetzung
entsteht das Debüt-Album "Above The Light".


Above The Light, 1993

"Above The Light" gilt heute noch als die erste Death
Metal-Symphonie. Schließlich benutzen Sadist schon 1993
Streicher (wenn auch aus der Konserve) und betteten das Ganze in ein
symphonisch hartes Klangbild. Sadist zockten diese Mischung zwar auf
hohem technischen Niveau runter (vor allem Tommy - ein ziemlich
unterbewertetes Gitarrengenie), erinnerten allerdings alles in allem
doch recht wenig an die ´93 vorherrschende Frickelbewegung im
Death Metal (Pestilence, Atheist, Cynic, Nocturnus etc.). Schon bei
den neo-klassisch schroffen Tönen des Intros "Nadir"
kann man als Hörer erahnen, dass man in den nächsten 40
Minuten sicherlich keine Allerweltsmucke zu erwarten hat. Im
Mittelpunkt der ganzen CD steht sicherlich Songwriter Tommy, ohne
allerdings Peso (viele intelligente Breaks und Fills) und Andy (darf
mit einigen Bass-Einlagen glänzen) in den Hintergrund zu
drängen - Tommys Keyboards und Soli sind einfach
übermächtig. Das äußert sich in bombastischen
Orchesterexplosionen, Malmsteen´schen Geschwindigkeitssoli und
unglaublichen Feelingabfahrten, die für normale Metal-Gitarristen
ziemlich ungewöhnlich sind. Ihr Können präsentiert das
Trio am besten in dem Instrumental "Sadist", welches sich
allerdings als penibel genau arrangierter Song und nicht als reine
Selbstzweckfrickelei entpuppt. Sadist lassen wenig unversucht und
wagen sich trotz aller Keyboardspielereien auch an rauhe
Highspeed-Parts, die sich wunderbar in das Gesamtkonzept
einfügen. Ein Debüt, welches heute noch in
Undergroundkreisen zurecht als Klassiker gilt. Für damals sehr
fortschrittlich.



Nach "Above The Light" heißt es erst mal: Touren.
Tommy sorgt vor allem live für offene Münder, als er, mit
einer Hand am Keyboard und mit der anderen an der Gitarre, packende
Soli auf beiden Instrumenten gleichzeitg (!) darbietet. Allerdings
findet die Tour ohne Andy statt, der seine Prioritäten auf das
Privatleben verlagert. Für ihn kommen gleich zwei neue Leute in
die Band. Zum einen Berufslockenkopf Zanna, ab sofort Sänger der
Band und zum anderen Bassmonster Chicco. Dennoch dauert es geschlagene
drei Jahre (für einen Newcomer eine gefährlich lange Pause),
bis der Nachfolger von "Above The Light" fertig ist. 1996
ist es soweit, "Tribe" wird veröffentlicht.


Tribe, 1996

Das zweite Album steht ganz im Zeichen der Weiterentwicklung. Man
merkt, wie sehr Tommy und Peso als Musiker gereift sind und was
für einen göttlichen Musiker sie in Chicco gefunden haben.
Doch auch Zanna macht sich bezahlt: Wurden zu "Above The
Light"-Zeiten die Lyrics aufgrund holprigen Englischs nichtmal
abgedruckt, gibt es diesmal sogar philosophische Ansätze zu
bestaunen. Weiterhin bildet das aggressive Shouting von Zanna eine
wesentlich bessere Symbiose mit der Musik, als das etwas ideenlose
Gegrunze von Andy, welches im Nachhinhein einen der kleinen
Schwachpunkte des Debüts darstellt. "Tribe" ist weniger
orchestralisch als das Debüt, aber dafür viel verfrickelter
- Vergleiche zu Atheist oder Cynic sind jetzt durchaus gestattet.
Dennoch gibt es natürlich wieder jede Menge Keyboard-Einlagen,
die sich allerdings von dem neo-klassischen Vorbild des
Vorgängers lösen. Das Album ist homogener, kompakter und
spannender geworden. Bei dem wohl obligatorischen Instrumental,
diesmal: "From Bellatrix To Betelgeuse", blüht Tommy
wieder richtig auf und bietet grandioses Gefühlsspiel, an dem
sich viele Gitarristen ein Beispiel nehmen sollten. Die letzten Songs
des mit 37 Minuten Spielzeit viel zu kurz geratenen Albums stehen
allerdings ganz im Zeichen der Rhythmusabteilung: Unglaublich, wie
sehr sich Drummer Peso weiterentwickelt hat. Wo früher eine
Knüppelstelle angebracht schien, findet man auf "Tribe"
stattdessen ziemlich Jazz-beeinflusstes Spiel voller vertrackter
Rhythmen und guter Ideen. Basser Chicco stopft jedes Soundloch
gnadenlos mit Slapping, Fret-Bass Einlagen, Soli und sonstigen
musikalischen Perversitäten zu. Womit wir auch schon getrost zu
den Kritikpunkten übergehen können: Die Produktion fiel viel
vielen zu unmetallisch aus, was ich überhaupt nicht
nachvollziehen kann. Klar, der Basssound klingt sehr nach Fusion/Jazz,
doch die Gitarren und das Schlagzeug sind mit ordentlich Wumms
produziert. Insgesamt war "Tribe" den Fans, Produktion hin
oder her, wohl zu technisch, sodass viele Leute dem Debüt den
Vorzug geben. Für mich ist "Tribe" allerdings eindeutig
der Höhepunkt im Schaffen der Italiener.



Nach der Tour zu "Tribe" rappelt es bei Sadist kräftig
im Karton. Folge: Peso, Chicco und Zanna gehören nicht mehr zur
Band. Ein alter Bekannter kehrt allerdings zurück: Andy versucht
sich nochmals als Basser, nachdem er wohl wieder Blut geleckt hat. Der
neue Drummer heißt Oinos - als Sänger fungiert ab sofort
Rasta-Weirdo Trevor, der dank der Statur eines Schrankes eigentlich
als Türsteher prädestiniert gewesen wäre. Kein Wunder,
dass das dritte Album der Band, "Crust", welches 1998 das
Licht der Welt erblickt, einige Veränderungen im Sound Sadists
mitbringt...


Crust, 1998

Grob könnte man sagen, dass "Crust" den Transport des
Bandsounds ins 21. Jahrhundert darstellt. Tommy wagte sich an Sampler
und sonstige Effekte heran und schraubte dafür den
Keyboard-Anteil klar zurück. Das Grundgerüst der Songs ist
nun nicht mehr im Death Metal verwurzelt, sondern erinnert eher an
(neo)-thrashigeren Töne. So klingt "Crust" zwar
irgendwie immer noch nach Sadist, lässt aber noch einen anderen
Namen überdeutlich im Raum schweben: Voivod. Teilweise erinnert
das sadistische Gebräu atmosphärisch ziemlich an die
Spätphase ("Negatron", "Phobos") der
kanadischen Cybertrash-Götter. Schön, dass sich Tommy seinen
eigenen Gitarrenstil erhalten hat, denn einen so originellen
Gitarristen wie Piggy von Voivod zu imitieren ist auch für einen
Tommaso Talamanca ein verdammt schwieriges Unterfangen. Tommys Spiel
ist auf "Crust" natürlich rifforientierter, der
Solo-Anteil wurde zurückgeschraubt (dafür gibt es mit
"Holy..." und "...Crust" zwei Instrumentals bei
denen der Klampfer seinen Solowahn sowohl an der Gitarre als auch am
Keyboard auslebt), doch man hört eben sofort den guten alten
Tommy raus. Basser Andy kann sicherlich technisch nicht ganz gegen
Chicco anstinken, doch auch er zeigt auf der Platte oft genug, dass er
sich seit "Above The Light" enorm weiterentwickelt hat (Als
Beispiel dient "Ovariotomy" - abartig, was der Junge

da zeigt) und sicherlich im Basserhimmel nich lange um Einlass
betteln müsste (schließlich gibt es zurecht auf
"Crust" mehr Bass- als Gitarrensoli). Die Musik auf
"Crust" ist kompakter, eingäniger und bei weitem nicht
so technisch wie noch auf "Tribe" geraten. Der
größte Vorteil gegenüber "Tribe" heißt
jedoch Trevor: Der Sänger übertrifft Zanna um Längen,
sodass endlich auch der Gesang eindeutig als sadistisches
Markenzeichen gewertet werden kann. Der Pursche ist viel dynamischer
als seine Vorgänger, traut sich auch an andere Gesangstile heran
(teilweise clean, teilweise geshoutet und teilweise gegrunzt) und
trägt zur kalten, bedrohlichen Atmosphäre ("Perversion
Lust Orgasm", "I Rape You") der CD bei. Insgesamt nicht
so gut wie der Vorgänger, aber doch ein geglücktes
Experiment.



Nach vereinzelten Auftritten auf diversen Festivals hat sich die Band
den Ruf einer ziemlich derben und göttlichen Liveband aufgebaut
(Trevor tritt auch ganz gerne im OP-Kittel auf und geht ab wie ein
Kreisel). Bald darauf verschanzt sich die Band wiederrum im Studio, um
ihr viertes Album aufzunehmen. "Lego", 2000
veröffentlicht, verkommt zum Karriereknackpunkt. Sadist
verscherzen es sich endgültig mit vielen Fans und können
sich nur wenig neue erkämpfen. Dabei ist "Lego"
lediglich die konsequente Weiterentwicklung von "Crust".


Lego, 2000

Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Die Vorbilder auf
"Lego" heißen weder Cynic noch Nocturnus (die ja
damals auch als eine von wenigen Death Metal-Bands Keyboards
verwendeten), sondern eher Korn oder Faith No More. Vom Death Metal
ist wenig übriggeblieben, die Metamorphose zur modernen
Metal-Band abgeschlossen. Die Technik blieb dabei völlig auf der
Strecke. Man hört zwar noch raus, dass hier sehr talentierte
Musiker am Werk sind, doch Frickeleien sucht man auf dem mit knapp 70
Minuten Spielzeit ausgerüsteten Album vergblich. Vielmehr legt
man auf elektronische Elemente, catchy Melodien und fette, tiefe Riffs
Wert. Das mag für manche Fans ein Shock sein, zeichnete sich aber
schon bei "Crust" schon deutlich ab. "Lego" ist
somit sicherlich die erwachsenste Scheibe der Italiener. Trevor, unser
geliebter Schrank, hat von dem Stilbruch sicherlich am meisten
profitiert, denn hier kann er sich voll und ganz austoben: Aggressive
Schreie, überaus melodischer Gesang, stark verfremdete,
psychotische Flüsterparts, etc. Songs, wie der Opener "A
Tender Faible", "Meat" (göttlicher Refrain),
"Fog" (ebenfalls sehr eingängig), "I Want It"
(ziemlich schräg) oder "Dogs Sledge Man"
(unbekümmert, doomig, irgendwie fröhlich und schlichtweg
toll) gehören sicherlich zum Besten, was Sadist je fabriziert
haben. Klar, man kann der Band Trendanbiederei vorwerfen, doch das
würde ihnen nicht gerecht werden. Die größte
Überraschung ist sicherlich der Rausschmeißer
"Cappuccetto Grosso". Der komplett auf Italienisch
vorgetragene Song klingt sogar ein wenig nach mighty Eros Ramazotti.
Feinster Italo-Pop mit Kinderchor und fetten Gitarren. Wunderbar. Das
Einzige, was man "Lego" ankreiden könnte, ist, dass das
Material stellenweise vielleicht noch ein wenig unausgereift klingt.
Man war wohl etwas überwältigt von den neuen technischen
Möglichkeiten, sodass die Songs teilweise zu überladen
wirken. Das kann man allerdings sicher auf dem nächsten Album
ausbügeln, denn auf dem richtigen Weg sind Sadist ohne
Zweifel.



Fragt sich nur, ob es je Album Nr. 5 der Band geben wird, denn seit
"Lego" herrscht Totenstille im Camp der Italiener. Nach
neuestem Stand weiß man nicht mal, ob Sadist überhaupt noch
existieren. Wäre verdammt schade. Hoffentlich geschah der
mögliche Split dann wenigstens aus personellen und nicht aus
kommerziellen Gründen. Bei den mageren Verkaufszahlen, mit denen
Sadist ihre ganze Karriere über zu kämpfen hatten, kann man
doch auch ohne Fans weitermachen, oder?

kervorkian


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!