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dEUS & amusement parks on fire - Berlin, Postbahnhof, am 21.11.2005











[Weitere Bilder vom Konzert gibt es hier]

Das erste Mal seit über sechs Jahren: dEUS auf Clubtour, dEUS in Berlin. Letztes Mal war das Columbia Fritz ausverkauft, diesmal der Fritz Club im Postbahnhof am Ostbahnhof und die guten Besucherzahlen zogen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Europatournee, während derer dEUS immerhin schon 40 Auftritte in BeNeLux, Frankreich, Schweiz, Deutschland und Österreich absolvierten. Kein Wunder, dass sich der tourmüde Craig Ward nach den wenigen Festivalauftritten in 2003 verabschiedete, vor allem wenn man bedenkt, dass noch Spanien, Italien, Portugal und Griechenland folgen sollte. dEUS also auch zum ersten Mal mit neuer Besetzung, von der besonders BelgienPop-Star Mauro Pawlowski herausragt.

Der Postbahnhof bietet dabei für eine mittelgroße Indierockband wie dEUS einen idealen Rahmen, nur ging der Einlass schleppend voran und die Warterei in der Schlange wurde durch die Temperaturen um den Gefrierpunkt nicht gerade angenehmer. Umso wärmer dafür das Innere der Auftritthalle, in die man erst nach dem Durchschreiten von mehreren Vorräumen gelang. Man merkte, dass die Karten gut an den Fan gebracht wurden. Gänzlich unbeliebt machte sich der etwa 1200 Leute fassende Club dann aber im Nachhinein: Um an die abgegebenen Sachen in der Garderobe zu kommen, musste mit bis zu einer Stunde Wartezeit gerechnet werden. Heißer Tipp also: Nicht zur Winterzeit oder mit viel Gepäck in den Postbahnhof.

Für den geneigten dEUS-Fan galt es erst einmal, die mäßigen und nicht wirklich als Vorband passenden Amusement Parks on Fire zu ertragen. Emo-Rock, aufgelockert durch post-/noiserockige, ausgedehnte Instrumentalpassagen, die das beste am ganzen Auftritt waren - schwieg doch dann der schlimme Sänger (optisch eine Kreuzung aus Jon BonJovi und dem jungen Campino), der mit seiner typischen, immer gleich quengelnden Emo-Stimme jede Melodie schon im Ansatz zur Langeweile verhalft. Sogar die Posen waren wie vom Reißbrett abgepaust. Die flirrenden Gitarren, die die gesangslosen Parts dominierten waren das einzig Gute am Set, machten sie es doch möglich, kurzzeitig das triviale Alternative Rock Schema zu vergessen und sich gedanklich in höhere Sphären zu begeben. Ansonsten aber: Geschenkt. Wenigstens konnte die Lichtshow mit Watt und Farbe überzeugen.

Nach subjektiv gar nicht so langer Umbaupause (Barman ist schließlich als Perfektionist bekannt) kamen dEUS nach kurzem Intro und wenigen Worten mit dem Titeltrack von "Pocket Revolution" auf die Bühne. Man muss schon sagen: Perfekter Opener. Nicht zu rockig, nicht zu ruhig, mit memorablem Chorus (bei dem Barman von Mauro und dem neuen Bassisten Alan Gevaert gesanglich unterstützt wurde) und spannungsvollem Aufbau lockte er das Publikum nach und nach aus der Reserve, die erst vollends verlassen wurde, als das noisige Ende von "Instant Street" live noch rockiger als auf Album gespielt wurde. Überhaupt ist (und war) das beste an dEUS-Auftritten immer die eingehaltene Maxime, sich nicht sklavisch an die Albumversionen der live dargebotenen Stücke zu halten. Das war bei früheren dEUS-Konzerten, noch mit den Impro-Fanatikern Rudy Trouvé und Stef Kamil Carlens, vielleicht ausgeprägter, aber auch anno 2005 wurde nicht an veränderten Teilen gespart. Besonders "Fell off the floor, man", "theme from turnpike" und das als Abschluss gespielte "Suds & Soda" fielen aus dem Rahmen, indem der letzte Teil der jeweiligen Songs einfach neukomponiert wurde. "Fell off the floor, man" versank (scheinbar) noch mehr im Chaos als ohnehin schon und war wesentlich gitarredominierter, "Theme from turnpike" geriet ganz anders ins Wanken als im Studio und "Suds & Soda" verwandelte sich fast in eine organisch stampfenden Big Beat Nummer mit tanzbarem Endlosgroove und Tom Barman in seinem Disco-Element. A propos Disco: Die elektronisch angehauchten Stücke von "Pocket Revolution", "Stop-Start Nature" und das in der Zugabe gespielte "what we talk about" gerieten eine ganze Ecke besser und passender als noch auf CD. Live wurde zu den Stücken, bei denen der Beat zur Hälfte aus der Maschine pluckerte, einfach getanzt. Letzteres wurde im Laufe des Konzerts allerdings fast schon zuviel; geradezu überschwenglich feierte das Berliner Publikum die Band mit wogenden Leibern, wehenden Armen und federnden Füßen - und leider auch, zum Unglück aller, mit begleitendem Dillettantengesang (besonders ein bebrillter Fan mit blonder Anwaltsfrisur und "My sister my clock" T-Shirt schoss, offenbar alkoholisiert, in dieser Hinsicht den Vogel ab und befremdete auch Herrn Pawlowski mit lautstarken "Mauro"-Rufen).
Die Atmosphäre konnte so aber nur leicht getrübt werden. Unterstützt von einer gigantischen Lichtshow, die wirklich perfekt auf die Stimmung der Songs abgestimmt war und einem guten Sound wirkten dEUS professioneller denn je. Die neuen Bandmitglieder waren gut eingebunden und Mauro Pawlowski bot dank seines Charismas (zwischen südlichem Feuer und nordischer Kühle) ein besseres optisches Gegengewicht, als Kumpeltyp Craig Ward und macht sogar das Energiepaket Tim Vanhamel, den Vollblutfrontmann Stef Camil Karlens und das introvertierte Improvisationstalent Rudy Trouvé vergessen. Ganz davon zu schweigen, dass er die Gesangseinlagen mit Bravour erledigte und teilweise ("Roses") sogar zur Gänsehaut reizte. Bassist Alan Gevaert war unauffällig aber solide und bot als dritter Sänger eine ordentliche Leistung und Ex-Soulwax Drummer Stéphane Misseghers machte seinem Ruf als Groove-Monster alle Ehre.
Tom Barman selbst gab sich hoch konzentriert und ein klein wenig unnahbar, was mit dem Seltenheitswert der Ansagen (es gab nur eine längere und leider unverständliche vor "the real sugar") noch unterstrichen wurde. Nur bei "Roses" (mit original Rockstarposen), "Sun Ra" und "Suds & Soda" ging er aus sich heraus, was dafür umso mitreißender wirkte.
Der einzige Wermutstropfen des Konzerts: Trotz der oben genannten Songvariationen war es ein an Überraschungen armes Konzert - so gar nicht typisch dEUS von früher. Die Setlist war in Ordnung, konnte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass sehr auf Nummer Sicher gegangen wurde und lediglich mit dem Magnus-Cover "Assault on dEUS" gab es einen ungewöhnlichen Einschub (der aber ebenfalls auf allen vorherigen Konzerten dieser Tour gespielt wurde) und auch "Serpentine" konnte nicht unbedingt erwartet werden. Wo hingegen das mitreißend rockende "cold sun of circumstance" und die wunderbare Ballade "include me out" vom neuen Album blieben, wissen nur die Götter.
An überraschend präsentierte B-Seiten, wie bei den 90er-Konzerten üblich oder spontane Wechsel in der Setlist war in diesem Jahr und in dieser Besetzung bei dEUS nicht zu denken. Schade, stand doch diese Band vor einem knappen Jahrzehnt für die personifizierte Überraschung. dEUS sind wohl endgültig erwachsen geworden. Jetzt kommt es darauf an, in Würde zu altern. Den ersten Schritt machten sie mit diesem professionellen, guten und stimmungsvollen Konzert. Viva dEUS!




















Setlist (ziemlich identisch mit den fünf Shows vor und nach dem Berliner Auftritt):

Pocket revolution
Magdalena
Instant street
Fell off the floor, man
Stop-start nature
Via
The real sugar
W.c.s.
If you don't get what you want
Turnpike
Put the freaks up front
Nothing really ends
Roses
Sun Ra
Assault on Magnus
Serpentine
Bad timing

Zugaben:

Little arithmetics
What we talk about
Suds & soda

Weitere Bilder vom Konzert gibt es hier

stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!