. .

ulver - blood inside


Erscheinungsjahr: 2005
Label: jester records
Tracks: 9
Spielzeit: 45:49
Genre: alternative
Subgenre: eklekticistic electronic rock
ulverblood.jpg
Bewertung: 7/10

rating

Ulver war schon immer eine dieser Bands, bei der kaum eine Erwartungshaltung greift. Schon bei ihrer Vertonung von William Blakes "The Marriage of heaven and hell" gab es keine Genregrenzen mehr: Epischer Black Metal stand neben zurückhaltendem Trip Hop und Klassik neben wilden psychedelischen Experimenten. Danach experimentierten die Norweger auf "Perdition City" und zahlreichen EPs und Soundtracks mit minimalistischer Elektronik und Music Noir/Ambient - mal mehr, mal weniger viel versprechend.

Fünf Jahre nach "Perdition City" nun also "Blood Inside". Das einzige Problem was sich Ulver mit ihrer bisherigen Laufbahn geschaffen haben, ist die wohl einzige Erwartungshaltung, die Ulver-Aficionados haben können: Das neue Werk sollte besser groß werden. Gigantisch gut, etwas bahnbrechend Neues, eine in Musik gegossene Offenbarung. Und mit letzterem hat "Blood Inside" tatsächlich etwas zu tun. Es ist eine Art persönliche Offenbarung von Mastermind Garm/K.Rygg geworden. Nicht nur er selbst erinnert (in dem auf der CD enthaltenen Video von "It is not sound") optisch an den großen Heilsverkünder namens Jesus, auch im Artwork und in den Texten bedient er sich mehr als einmal christlicher Symbolik, um seine Gedanken auszudrücken. Rotes Blut als Saft des Lebens, als von Jesus vergossene Flüssigkeit zur Vergebung unserer Sünden; das Kreuz als massiv symbolbehaftetes Zeichen; Himmel, Licht, Dunkelheit, der Turmbau zu Babel und Gott selbst wird bemüht - letzteres sowohl in "For the love of god", als auch im Pessoa-Zitat "Christmas". Diese religiösen Bezüge werden bei "Blood Inside" mit einer fantastischen, düsteren Mystik ("Dressed in Black" und "For the love of god") und Garm's eigener Lebensanschauung von Geburt ("Blinded by blood" - Garm ist schließlich zweifacher Vater), Genesung und Tod, archaischem Spiritualismus und modernen Systemen ("Operator") vermischt. Das reicht nicht zur eigenen Philosophie und die knappen, zweizeiligen Strophen wären wohl auch kaum beeindruckend, wenn Garm nicht doch auch mal die Wortgewalt eines Propheten erreichen würde: "Truth is a hospital".

Das alles will musikalisch passend ausgedrückt werden. Ulver bedienen sich dabei eines Gegensatzes, dessen musikalische Vereinbarung ich bis dato kaum für möglich gehalten hätte. "Blood Inside" ist ein gewaltiger eklektizistischer Brocken, dessen teilweise geniale Collagierung unterschiedlichster (Neo-)Stile zumindest zeitweise eine neue Sichtweise auf Musik offenbart und damit gleichzeitig Avantgarde ist.
Und Ulvers große Hilfe ist gleichzeitig ihr Fluch. Die moderne Studiotechnik macht die nahtlose Verknüpfung von symphonischer oder kammermusikalischer Neoklassik, Brekbeat und Drum'n'Bass, Industrial und weiteren Elektronika, Progrock, Jazz, Swing, Soundtrack, Soul, Zirkusmusik und - als leichte Reminiszenz an Ulvers Vergangenheit - auch Dark Metal (wenn auch kaum durch verzerrte Gitarren ausgedrückt) überhaupt erst möglich. Gleichzeitig sind Teile von "Blood Inside" aber da wo ein minimaleres Klangbild ein Mehr an Ausdruck zur Folge gehabt hätte deswegen auch überladen. Besonders Garms Stimme, die auf diesem Album ungewohnterweise seit langem erneut als Protagonist auftritt, hat unter den Effekten zu leiden. Zwar wird durch die Effektbeladung eine maximale Bandbreite an Klängen erzeugt, was aber leider den Transport von wahrhaften Emotionen behindert. Deutlich werdend in dem ansonsten großartigen "For the love of god" oder im als gefühlvolles Kleinod gedachten "Blinded by blood". Balsam für die Ohren sind da die wenigen unbehandelten Gesangslinien wie in "Christmas".
Auch im instrumentalen Teil wird die Spielerei an vielen Synthesizerknöpfchen oft zur Last, was besonders bei den Neoklassik-Parts, in denen mitunter Kirchenorgeln, Streichquartette, oder gar ganze Orchester elektronisch imitiert werden, negativ auffällt. Sakrale Atmosphäre verkommt so zum Rummelkitsch. Besonders schade bei "Dressed in Black" und "Blinded by Blood" (mit Bach-Melodie) die ansonsten durch eine vorsichtig erzeugte, hypnotisch-düstere, aber schöne Atmosphäre glänzen. Was allerdings bei letzterem die unsägliche Moby-Reminiszenz in Gestalt eines heruntergepitchten Gospelsängers soll, weiß wahrscheinlich nicht einmal Garm selbst. Von den übrigen sieben Tracks ist nur das als Quasi-Intro zum abschließenden "Operator" dienende "Your Call" ähnlich ruhig neoklassisch gehalten, aufgrund der eingesetzten Violine aber um ein Vielfaches organischer als die oben genannten - auch Maja Ratkes Chorgesang im Hintergrund (der gar nicht an die sonstigen Eskapaden von dieser skandinvasischen Extrem-Chanteuse erinnert) dient der besonderen Atmosphäre in diesem einen der besten Songs des Albums.

Von diesen Ruhepolen des Albums abgesehen scheint die Musik auf "Blood Inside" verdichtet wie in einem schwarzen Loch. Ineinander verschachtelte Beats, von denen einige zeitweise zu ungeahnten Höhenflügen ansetzen, bilden die Basis für die immens große Spielwiese die Tore Ylwizaker und Garm mit Klängen bestücken. "For the Love of God" besticht durch die - trotz effektbehangenem Gesangs - festhakendsten Gesangslinien des ganzen Albums über düster-symphonischen (partiell an VAST erinnernden) und treibenden Arrangements und "Christmas" entwickelt sich aus lieblichem Glöckchengebimmel zu einem der nachvollziehbarsten Songs, weil ähnlich treibendes wie düsteres Elektro/Neoklassik-Gemisch auch schon auf "...Marriage of heaven and hell" zu hören war. "It is not sound" ist darüberhinaus mit 70er Jahre Progrock-Elementen angereichert, während "The Truth" gegen Ende mit den zweifellos besten Sprachsample-Arrangements der letzten Jahre trumpft. 20er Jahre Swingjazz-Atmosphäre kommt dann in der zweiten Hälfte von "In the red" auf, die quirlig-verrückt den etwas lahmen Einstieg des Songs vergessen macht.
Schlussendlich werfen Ulver in "Operator" alle klaren Gedanken über Bord und lassen ein famoses Tutti erklingen, ein Potpourri aus Tausendundeiner Pauke, wahnsinnigem Gesang, sich überschlagenden Beats und künstlichen Tröten, Streichern und Samples. In Momenten wie diesen hört man die Sicherung förmlich durchknallen und kann gerade noch so denken: Es ist gut so. "Truth is a hospital".

Schön, dass Ulver ihren Wahnsinn noch erkennen und ein augenzwinkerndes "Viva Megalomania" auf die letzte Seite ihres Booklets setzen. Vielleich ist das Problem des Albums gar nicht mal so sehr die Überladung mit Effekten und die etwas künstliche Atmosphäre, sondern die hohe Erwartung nach zwei Soundtracks, drei EPs und einem Remix-Album, die die Wartezeit auf dieses neue Album vertröstet haben. Noch wahrscheinlicher ist es aber das Wissen, was für ein Gigant dieses Album hätte sein können, hätten Ulver hier alles richtig gemacht. So bleibt ein leichter grauer Schleier vor diesem Brocken hängen, der vielleicht einen der größten Rohdiamanten des musikalischen Universums darstellt.


Ähnlich:
Xploding Plastix, Coil, Depeche Mode, Pink Floyd, Yes, King Crimson, Dead Can Dance, Impressions of Winter, Arcturus, Portishead, Björk, VAST

15.08.2005
stativision (Tobias Goris)


:: Comments ::


Comment
Name:

Comment:

Security question, please solve:

YKQ         PN2      
O      C    3 M   R9Y
1LA   KPF   CTG      
P 6    K      3   7YG
6FB         7F4      



Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!