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tricky - blowback


Erscheinungsjahr: 2001
Label: Anti
Tracks: 15
Spielzeit: 58:35
Genre: Beats/Elektro
Subgenre: Trip Hop
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Bewertung: 7/10

rating

Lange Zeit war Tricky ein Enfant Terrible in der sogenannten Trip Hop Szene, lange stand er ganz weit außen am Rand. Zwischen musikalischer Genialität und düsterem Wahnsinn. Leute die mit ihm zu tun hatten, verunsicherte er mit seinem impulsiven und nicht berechenbaren Verhalten.
Am Anfang seiner Karriere stand Massive Attack, bei deren "Blue Lines" Album er ein paar rauchige Backing Vocals übernommen und auch produziert hat. Später, 1995, löste er sich dann aus ihrem Schatten und veröffentlichte sein Debüt "Maxinquaye".
Ein Album, das nahezu überall Begeisterung auslöste und als Revolution in der gesamten Musikszene galt. Durch seine intelligent und innovativ strukturierten Songs, und die geniale Stielvielfalt, die nie einen roten Faden vermissen ließ, völlig zu Recht. Die Mischung aus Hip Hop, Rock, Dub, Soul und diversen anderen Spielarten war düster, ohne jedoch Farbe vermissen zu lassen. Es war einfach das richtige Album zur richtigen Zeit.

Danach jedoch war die Luft wohl raus. Trickys körperliche sowie seelische Verfassung ließ nach, was sich auch auf seine Musik auswirkte. 1996 bis 2000 veröffentlichte er insgesamt 4 CDs, 3 unter seinem Pseudonym Tricky, von denen der Zweitling "pre-millennium tension" wohl das bekannteste sein dürfte. Klasse, aber sehr unzugänglich, einfarbig und düster, trostlos und bedrückend war dieses Werk, was oft durch seine Monotonie nervte. Dazwischen hatte er noch Zeit, ein Projekt namens "Nearly God" zu starten und damit eine CD auf den Markt zu bringen. Nicht weniger verstörend war dieses ambitionierte, mit Björk und Neneh Cherry als Gaststars aufgenommene Werk. Dafür verspürte man mehr Kreativität - gleichzeitig stieg aber die Unzugänglichkeit, was das Projekt für Normalhörer nahezu unerträglich machte.

Die folgenden Alben standen mehr oder weniger in derselben Tradition, nur trat Tricky mit ihnen auf der Stelle, neue Impulse suchte man vergeblich.

Und nun "Blowback", laut dem Meister das Album, das den eigentlichen Nachfolger zum Debüt darstellt. Trickys Depressionen und Wahnsinn beruhten laut einer Ärzte-Diagnose wohl auf falscher Ernährung und einer seltenen Krankheit, nach einer Diät wurde der gute alte Tricky wiederhergestellt. Und gleichzeitig scheint er seine Kreativität zurückerlangt zu haben.
Auf dem neuen Album geht er mehr Kollaborationen ein als noch in den letzten Jahren, was wohl auch durch die Umgänglichkeit mit seiner (neuen) Person bedingt sein dürfte.
Ins Studio durften hauptsächlich Rastafari Hawkman und als weibliche Vocalunterstützung Ambersunshower, die im Gegensatz zu den letzten Damen, die mit Tricky kooperierten, durchaus auch mal sonnig klingen kann.
Kleinere Gastrollen übernehmen Ed Kowalcyk von Live, der der Single "Evolution Revolution Love" die schöne Gesangsmelodie verpasst und Alanis Morrisette, die dem Opener "Excess" feinfühlig Intensivität einhaucht (ganz im Gegensatz zu ihren Soloalben).
Hinzu kommt die Arbeit an zwei Songs mit den Red Hot Chili Peppers, die meiner Meinung nach nicht so schrecklich ausgefallen sind, wie überall geschrieben.
Bei "Girls" (mit Kiedis, Frusciante) nervt zwar die nicht besonders toll passende harte Rhythmusgitarre von Mark Gemini Thwaite (der den Posten an der Gitarre auf dem Album selten abgibt), aber ansonsten ist das Lied solide Funkrock-Klasse und klingt ein wenig wie RHCP mit Tricky als Gaststar.
Bei der zweiten gemeinsamen Arbeit "#1 Da Woman" ist schon mehr Kritik angebracht. Definitiv das schlechteste Stück des Albums. Wenn es alleine für sich irgendwo stünde, könnte ich mit dem fröhlichen handgemachten Funkpop ja leben, aber hier klingt das Stück wie ein Geschwür und raubt einem den letzten Nerv, nicht zuletzt dadurch, dass es der singende Jonhn Frusciante hier tatsächlich schafft, nach dem unsäglichn Phil Collins zu klingen! Unfreiwillig komisch, oder doch nur ein schlechter Witz?
Zum Glück bleibt das restliche Material über diesem Niveau und bietet mitunter tatsächlich die Abwechslung und songwriterische Klasse, die man seit "Maxinquaye" vermisst hat.
Wobei sich der neue Tricky schon beim Artwork relaxter zeigt als sonst: Der Titel wurde mit einer grossbrüstigen Mulattin lasziv erotisch in Schwarzweiß in Szene gesetzt, die Fotos vom Meister sind längst nicht mehr so extravagant düster wie früher. Hinzu kommt, dass den Schnellkäufern zwei interessante Bonustracks auf dem Digipack präsentiert werden ("The Hawkman is Coming" & ein Remix der Single), die aber nicht den Albumstandard halten.
Der ist nämlich fast durchweg hoch, angefangen mit dem Opener "Excess" der mit seinem Rhythmus und seiner fantastische Klaviermelodie auch auf den Frühwerken von Tricky platzgefunden hätte.
Die Singleauskopplung "Evolution Revolution Love" bedarf dagegen einer kurzen Eingewöhnungsphase, weil die Gesangswechsel doch sehr ungewöhnlich ausgefallen sind. Danach aber ein echter Hit. Mit seiner Leadakustischen zaubert Marty Riefkin eine fantastische Melodie aus dem Repertoire, die sich perfekt mit den einfühlsamen und relaxten Beats sowie der Stimme von Live im Refrain verträgt. Sogar die anfangs nervenden Ragga-Vocals fügen sich nach einer Zeit dem Song, und insgesamt muss man eingestehen: Kaum einer hätte je gedacht, noch mal so ein positiv gestimmtes Tricky Lied zu hören!
Das folgende "Over Me" ist allerdings wieder ein weniger gelungenes Stück der CD. Hawkmans Vocals stechen zwar heraus, nur leider nicht im positiven Sinne. Er verleiht dem Stück eine Hektik, die nicht hätte sein müssen. Damit bricht der Gute zwar mit normalen Hörgewohnheiten, aber dieses Kontrastprogramm ist einfach nur unpassend. Zum Glück mit 3 Minuten nicht allzu lang geraten. Im Gegensatz dazu ist die Neuauflegung von "Sweet Dreams" (Eurythmics), die hier "You don´t wanna" heißt und in Laszivität dem Original (dem das markante Sample entliehen und entfremdet wurde) in nichts nachsteht, gut gelungen. Die Beats klingen sogar noch eine Klasse besser als beim Original und auch die sparsam eingesetzte Gitarre und die Klassevocals machen das Lied zum Fick. Ist mit seinen fünf Minuten dreißig zum normalen Anhören auf der Couch aber ebenfalls ein wenig zu lang geraten - aber wer will schon einen kürzeren Quickie…


Endlich wieder klingt Tricky wie eine musikalisch Achterbahnfahrt. Nach düsteren verschlungenen Klängen folgen offene musikalische Darbietungen, die fast schon Kinderliedmelodien besitzen, wie das schöne "Your Name". Dann ist das Material wieder extrem dicht und packend, wie das sehr intensive "Bury the evidence", bei dem man hört, wie gut auch Tricky statt dem Keyboard eine echte Band tut. Soviel packende Dramaturgie bekommt man synthetisch nur selten hin und beim Anhören der Drums fühle ich mich sogar ein wenig an Led Zep erinnert… fantastisch, wie auch die Vocals von Hawkman im Hintergrund.

Danach ist das Pulver leider verschossen. "Something in the way", das Nirvana-Cover kommt ganz nett leiernd kaputt (schöner Orgeleinsatz) daher, ist aber nicht wirklich von Belang. Das leicht rockige "Give it to `em" ist ein netter Song, aber nur gesangstechnisch wirklich überzeugen kann, und das die normale CD abschliessende "A Song for Yukiko" bringt wirklich ein paar fantastische Chillout Piano-Linien, ist als letzter Track gut gewählt, aber auch nicht mehr als eben der letzte Track. Trotz der interessanten japanischen Vocals. Vielleicht wird die Wirkung bei intensiverem Hören entfaltet.

Da sticht doch das Cyndi Lauper featurende "Five Days" noch angenehm raus, durch den 80er Charme der Lauper bekommt das ansonsten typische (gute) Trickylied eine besondere charmante Note, die es von den anderen abhebt.

Alles in allem nach dem Debüt eines der besten Trickyalben. Ganz einfach, weil es Genres ohne Rücksicht auf Konventionen bricht und zusammenführt was nicht zusammengehört. Das alles geht überwiegend gut, der positive Eindruck überwiegt jedenfalls bei weitem. Trotzdem, das Album lässt Steigerungen auf den nächsten Alben von Tricky erwarten. Das Potential scheint noch lange nicht ausgereizt, zumal er hier eher ahnen, als wirklich erkennen lässt, wie innovativ und progressiv er sein kann.


Ähnlich:
Nearly God, Massive Attack, Muggs, Sneaker Pimps, Bran Van 3000

18.03.2005
stativision (Tobias Goris)


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!