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synapse - raw


Erscheinungsjahr: 2005
Label: tzadik
Tracks: 11
Spielzeit: 48:27
Genre: avantgarde
Subgenre: experimental japan electropop
synapseraw.jpg
Bewertung: 7/10

rating

Wenn im Rahmen einer Tzadik-Veröffentlichung von Pop die Rede ist, darf man gespannt sein - lässt das Label doch Zugänglicheres in der Regel außen vor. Das kleine Wörtchen "experimental" vor dem Pop muss bei "Raw" von Synapse allerdings groß geschrieben werden.
Das japanische Trio, bestehend aus After Dinner Sängerin Haco, Elektro-Spezialist Ikue Mori und dem modernen Komponisten Aku Honda, mixt sämtliche merkwürdigen Geräusche, die mit Tapedeck, Computer und Sampler zu generieren sind, mit ein paar (un)konventiollen Instrumenten (die Gitarre und anderes wird von Multiinstrumentalist Uchihashi Kazuhisa gespielt) und dem vielgesichtigen Gesang Hacos. Der Popfaktor wird im wesentlichen von letzterem getragen: Haco variiert über naiven Kinderliedern, selbstvergessenem Singsang, operettenhafter Dramatik, Björkschem Surrealismus und japanischen anmutenden Melodien. Gleichzeitig ist sie aber der rote Faden von "raw", an dem man sich festhalten kann. Nur in "howling pot" wird sie durch Pfeifgeräusche eines Kochtopfes (!) ersetzt und im ersten Teil von "white dreams" versucht sie sich unglücklicherweise an Tom Waits-Blues. An einigen wenigen Stellen ist der Gesang Hacos etwas dünn und ausdrucksschwach - sie kann offenbar nicht alle verkörperten Gestalten mit Leben erfüllen.

Der Gegenpol zum Gesang stellt stets die berauschende Musik dar. Ab und an dringen gar so etwas ähnliches wie konventionelle Beats durch das Klangdickicht, aber meist muss man sich gedanklich durch einen Wust an Klirren, Klappern, Klimpern und Klingeln, Knistern, Zischen, Tröten und Spulen kämpfen, was über einen begrenzten Zeitraum einen höllischen Spaß machen kann, da die Geräusche passgenau ineinander verzahnt sind. Besonders im Opener "Moonshadow" begeistert die Vielzahl an Klängen und hat man sich erstmal an den hier sehr gewöhnungsbedürftigen Kinderlieder-Singsang Hacos gewöhnt, steht dem Hörgenuss nichts mehr im Wege. Da können die nachfolgenden Songs nicht so ganz mithalten, die sich immer ein wenig selbst ausbremsen. Bei "Soap Bubble" stören zu kitschige Ambient Pop Parts, "red & green" kann nicht über die Dauer von 3 Minuten fesseln, weil der Gesang zu flach ist und die Geräusche nicht viel neues bieten und das Drone-Ambientgerüst von "Morning Song" ist alles andere als spektakulär, und dennoch faszinieren selbst diese schwächeren Songs von "raw" auf ihre eigene Art und Weise.

Erst zum Ende wird das Konzept der wieder Band restlos erfüllt: das lange "Mirror Room" verfügt über eine hervorragende und fesselnde Spannungskurve und viel Abwechslung in den sieben Minuten und das abschließende "Rappa" stellt mit seinen fantasievollen Samples, perfekt ineinandergreifendem Klingeln und Zischen, einem schrägen, aber zurückhaltenden Saxophon und den Schlafliedmelodien Hacos einen weiteren Klimax des Albums dar.

"Raw" ist ein surreales, manchmal wunderschönes, manchmal auch sehr verstörendes Album geworden, das mit konventionellen Hörgewohnheiten bricht. Es ist wie eine kleine Reise in den experimentellen Popraum Japan - anders und trotzdem immer wieder vertraut, exotisch, aber nie ganz unverständlich. Bei dieser Einzigartigkeit kann man über ein paar Schwachstellen (für das häufige Anhören ist "Raw" sowieso nichts geworden) hinwegsehen. Wer Lust an avantgardistischem Japan Elektropop hat, muss sowieso zugreifen.


Ähnlich:
Ikue Mori, After Dinner, AGF, Phantom Orchard, Haco, Bass Syndicate, Mouse on Mars, DJ Olive, Brian Eno, Aphex Twin, Matmos, Autechre, Vladislav Delay, Oval, Pan Sonic, Boards of Canada

03.11.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!