. .

seigmen - radiowaves


Erscheinungsjahr: 1997
Label: Sony
Tracks:
Spielzeit:
Genre: Alternative
Subgenre: Melancholic Industrial Metal
seigmen_1.jpg
Bewertung: 9/10

rating

Aufgelöst. 1999 war der letzte Tag der Band Seigmen (siehe auch Zeromancer und Seigmenreviews). Beendet mit einem (laut Besuchern) wahrhaft monumentalen und traurigen Gig im norwegischen Oslo am 6. März 1999.
Eine Dekade ist also seit ihrer Gründung in einem Partykeller der ältesten Stadt Norwegens (Toensberg) vergangen.
Gegründet, weil Sverre Okshoeff entschied, ordentliches Gitarrenspiel zu lernen.
Aufgelöst, weil derselbe Sverre gelangweilt davon war und die Band sich geschworen hatte, dass sie sich auflösten, wenn auch nur eines der Mitglieder aufgeben würde.

Auf ihrem Weg ins Nirwana nahmen sie allerdings fünf grandiose Alben auf, die ersten drei nur in ihrer Heimatsprache norwegisch, das vierte auch in Englisch, dieses hier nur in dieser Weltsprache.
Ob es eine richtige Entscheidung war, sei dahingestellt, mit ihrer Nachfolgeband Zeromancer gibt es ja eventuell einen Lichtblick für die Seigmenjünger.

Ob es eine richtige Entscheidung war, ihre Alben später auch in Englisch aufzunehmen, kann ich von meiner Warte aus nur bejahen, hätte ich diese großartige Band doch gar nicht kennen gelernt, wäre "Metropolis" nicht in einer Sprache erschienen, die auch ich verstehe!
Hier also das Review, über die erste und gleichzeitig letzte CD, die Seigmen uns nur in Englisch vorstellen:

Seit jeher bezogen Seigmen ihre Haupteinflüsse von Bands aus den 80ern, die man aber auf den bisherigen Alben eher in Gothicmelodien und stellenweise am Gitarrenspiel erkennen konnte.
Auf diesem Album hört man allerdings zum ersten Mal den direkten Einfluss von den für das achte Jahrzehnt des 20. Jhr. maßgeblich stilprägenden Melancholie-Synthipopbands wie (um die bekanntesten zu nennen) Depeche Mode und Propaganda (die auf der europäischen Version des Albums auch gecovert werden, dazu später mehr).
Wo bisher alternative Sounds vorherrschten wird nun eine beklemmende Atmosphäre aus einer dichten Mischung aus düsteren Industrialklängen, besagtem 80er Jahre-stil und Gothic vorgelegt, garniert mit härteren Gitarren.
Der Titel gibt ein wenig die musikalische Marschrichtung vor, es wird viel mit Radiosounds und -samples experimentiert, was den Songs teilweise eine Art Hörspielcharakter verleiht, so wird der achte Track "Trampoline" mit dem Satz "enjoy a movie you´ve never seen" unterbetitelt und tatsächlich weist der Song eine unglaublich dichte Atmosphäre auf, leise beginnt er mit einer Ziffern aufsagenden Frau, wie durch ein schlechtes Radio, untermalt von gemächlich eine Melodie daherplingenden Keyboardsounds, ehe dann mit harten aber Melodietragenden Gitarrenriffs die unheimliche Szenerie jäh durchbrochen wird.
Folgend wieder ein ruhiger Part, geführt von einem leisen E-Piano, einem flüsternd daher trippelnden Beat und dem faszinierend traurigen Gesang von Alex Moklebust, der eine vergangene Liebe besingt "...far away ... like the places you´ve never been..."

Nahtlos geht dieser Track in den nächsten "Mercurial" über, der eine ähnliche Atmosphäre erzeugt, auch einen ähnlichen Text besitzt, der das gleiche Thema aber in eine ein wenig futuristisch anmutende Story verpackt. Für mich sind diese beiden Stücke das Herzstück und das alles Zusammenfassende dieses Albums.

Eingerahmt werden die regulären 8 Tracks von "performance alpha" und "performance bravo", die mehr als nur intro und outro, eigenständige Stücke sind, mit demselben Text, bis auf den Unterschied, dass bei "..bravo" die "I"´s durch "you"´s ersetzt wurden, was auch schon den textlichen Rahmen für die meisten Tracks des Albums festlegt, nämlich Beziehungen. Alles zwischen "mir" und "dir".
Schöne Idee, die mir bis jetzt auf keinem Album untergekommen ist.
Interessanterweise ist "alpha" musikalisch sehr gedämpft und ruhig gehalten, nach einem Fanfaren-Trommel-Sample, das auch aus Ben Hur stammen könnte (mit dem Unterschied, dass es durch Rauschen überlagert wurde), kommen die 80er Jahre Einflüsse in Form von synthetisch klingenden Keyboardsinuskurvenschwaden und sanften Gitarrenklängen, später auch durch den melodischen, leicht leidenden Gesang von Moklebust und durch die typischen Beats.
"bravo" dagegen ist nach kurzem Radiogepiepse ein Industrialmetalhammer erster Güte, die Drums powern, die Gitarren feuern und der Gesang wurde, wie es sich gehört, durch einen Vocoder geschickt.
Also auch musikalisch eine Absteckung zwischen diesen beiden Extremen (sanft und hart) stehen auch die Stücke.

Mit dem zweiten Stück "The world revolves around you" dringen Seigmen phasenweise in die Stilistik eines Marilyn Manson zu Mechanical Animals Zeiten ein, ist der Gesang doch eine ähnliche Mischung aus androgyner Arroganz und gequälter Leidenschaft, die auch so manchen Hit des mitunter zensierten Teufels ausmachen. Hinzu kommt der tanzbare, etwas monotone Rhythmus, der in den pathetischen Chorus hinüberführt. Diese Zutaten machen das Stück neben dem folgenden "Universal", zu dem auch ein Video gedreht wurde, zum heimlichen Clubhit des Albums.
Zu "universal" wurde auch ein Video gedreht, das einige glückliche vielleicht im Erscheinungsjahr der CD (1997) auf einschlägigen Musiksendern gesehen haben, außerdem wurde es als CD-Rom Track der ersten Singleauskopplung beigelegt (die unter dem Namen "the first wave" erschien).
Mir persönlich gefällt das Lied trotz intelligentem Songaufbau (schönes, spannungserzeugendes Intro) und guten Gesangsmelodien nicht ganz so, obwohl es am ehesten an die älteren Seigmen erinnert, vielleicht liegt es an den allzu süßlichen Keyboardmelodien.
Soll natürlich nicht heißen, dass es schlecht wäre, aber als Video hätte ich es nicht genommen (trotz dem es das kommerziellste Lied ist es...)

Eine echte Überraschung erfolgt mit "modern end", das auch (wie auch nr.7 "Guilt") ein älteres Depeche Mode Lied sein könnte, wenn sie mehr Industrialeinflüsse gehabt hätten. Auch hier sticht wieder Alex´ Stimme heraus, die sich wie eine Schlange an die maschinellen Rhythmen des Untergrundes heranwindet und das "modern end" zelebriert.
Wohl der Track, der am ehesten die Abkehr von alten herkömmlichen Strukturen der Seigmenlieder bedeutet, wurde doch hier so gut wie ganz auf Gitarren verzichtet, Experiment gelungen!

Nichts gänzlich neues bieten Seigmen auf diesem Album also, ein Kritiker der CD bezeichnete diese als lauen Abklatsch einer Mischung aus 80er Jahre-Grössen und Paradise Lost zu "one second" Zeiten, was ich nur teilweise nachvollziehen konnte:
1. Ist das Album keine Aneinanderreihung von Zitaten, sondern eine überaus charmante Mischung aus sorgfältig ausgewählten Zutaten, zum
2. bringt es durch die Anordnung der Lieder und durch die dezent aber wirkungsvoll eingesetzten Samples eine Atmosphäre rüber, die ihresgleichen sucht. (insbesondere den Vergleich mit Paradise Lost konnte ich gar nicht verstehen, da ich ihr "one second"-Album zwar gut fand, aber eher als eine lose Ansammlung von stellenweise sehr guten Liedern verstehe).

Ganz dem Titel zugeschnitten ist das Artwork mit auf Begriffe und Symbole des Radios zugeschnitten, sehr minimalistisch und düster gehalten, leider ohne Texte.

Die Produktion (Sylvia Massey) ist gut gelungen, teilweise ein bisschen nostalgisch, was nicht immer der Klangqualität zu Gute kommt, wohl aber der Atmosphäre.

Die europäische Version besitzt nach den 55 Minuten regulärer Spielzeit noch zwei zusätzliche Tracks, der erste ist ein in Seigmen-Stil überführtes Cover der auch oben angesprochenen 80er-Jahre Synthipopband "Propaganda" und zwar einer ihrer grössten Hits, "P-Machinery". Gut gelungen, da schön in ihren eigenen Stil hinübergerettet, ohne die ursprüngliche Intention kaputtzumachen.

Der zweite ist weitaus weniger spektakulär, eine Kompaktversion ihres "Metropolis" Hits "Give", der um zwei Minuten gekürzt wurde und um einige zusätzliche Samples bereichert wurde, nicht schlecht, aber auch nicht wirklich brauchbar.

So steigt die Gesamtspielzeit auf ca. 65 min. was wirklich Value for money ist, da kein Track einen wirklichen Ausfall darstellt.

Die limitierte zweite Edition der CD kam im schwarzem Jewelcase und mit zusätzlichem Multimediazeugs, das ich leider nicht kenne - bei der Qualität der Internetpräsenz von Zeromancer und Seigmen dürfte es aber nichts schlechtes sein.

01.01.2002
stativision (Tobias Goris)


:: Comments ::


Comment
Name:

Comment:

Security question, please solve:

OYM         6GK      
9 3    M    5 N   TBN
FMO   XST   SF2      
B U    8    Y T   KMT
9TH         MJA      



Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!