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neurosis - a sun that never sets


Erscheinungsjahr: 2001
Label: relapse
Tracks: 10
Spielzeit: 68:27
Genre: metal
Subgenre: psychedelic noisecore
neurosis_1.jpg
Bewertung: 9/10

rating

Was ? Das soll Neurosis sein ? - So wird es wohl vielen Neurosis-Fans ergangen sein, als sie das neue Werk "A Sun That Never Sets" der Psychopathen aus Amiland zu hören bekamen, denn es hat sich im Hause Neurosis einiges getan. Positiv oder Negativ ? Das sollte jeder für sich selbst entscheiden.

Aber was hat sich jetzt eigentlich so großartig geändert ? So schlimm kann das doch nicht sein... ...Ist es eigentlich auch nicht. Der größte Unterschied dürfte wohl sein, dass die beiden Sänger Scott Kelly und Steve Van Till nicht mehr nur in der Gegend rumschreien, sondern auf einmal eine wunderschöne Clean-Stimme vorweisen. Die 2 gehörten in der Vergangenheit sicherlich zu den extremsten Sängern, bzw. Brüllern überhaupt. Nun und dadurch ergaben sich natürlich im Neurosis-Sound einige Neuerungen. Zwar arbeiten Neurosis schon oft mit Streichern und sonstigen komischen Instrumenten, doch noch nie so effektiv und vorallem intensiv wie Anno 2001. Für die Violine war natürlich wieder Kris Force von Amber Asylum zuständig, doch das nur am Rande.

Neurosis vertonten früher die Apokalypse. Soundwände, fast schon ein Dschungel an Klängen, Dunkle Visionen und diabolische Aggressionen, die sich meistens in überlangen Bergen von Songs entluden, um zwischendurch mit wunderschönen Fragmenten den Hörer zu verwirren. Alles nahe an der Grenze der Verträglichkeit und natürlich auch nur deshalb so genial. Im Grunde genommen tun das Neurosis immer noch, aber, wie schon gesagt anders. Denn die Soundwände sind verschwunden, Neurosis sind um einiges minimalistischer geworden, was das Songwriting betrifft. Die Apokalypse dringt nicht wirklich oft ans Tageslicht. Dafür haben Neurosis an Schönheit gewonnen. Morbide Schönheit, um genau zu sein. Und so kommt es, dass Neurosis teilweise etwas nach My Dying Bride klingen, was natürlich durch die Violine verstärkt wird.

Langsam, düster, morbide und wunderschön. Vertonte Melancholie, die zwar immer Hart und Brutal ist, aber im Vergleich zu Alben wie "Enemy Of The Sun" oder "Times Of Grace" fast schon weich wirkt. Der früher vollgestopfte Soundwall, der den Hörer mit schier unglaublicher Intensität einfach erdrückte, ist einem fast schon klaren Sound gewichen (obwohl auch wieder Steve Albini hinter den Reglern saß), der jede Nuance zur Geltung bringt.
Der Opener "The Tide" ist mit seinen 8 Minuten eigentlich viel zu kurz geraten: Nach 4 Minuten Clean-Gesang und ruhiger Stimmung explodiert der Song, zollt kurz den typisch-schweren Neurosis-Riffs Tribut, um dann vollends in einem wunderschönen Welsch aus Violinen und Gitarren zu versinken.
Der Gänsehaut-Refrain (Stichwort: "Under The Waves...") wäre wohl früher in dieser Form nicht möglich gewesen. Es ist eindeutig Neurosis und doch auch nicht. Faszinierend ist der Song gerade deshalb. Ich kann mir gut vorstellen, dass bei diesem Song und entsprechender Stimmung durchaus die Tränen fließen können. Die Wut hat übrigens kaum eine Chance. Wie schon erwähnt: 8 Minuten sind für so einen Song zu kurz, Neurosis hätten den Hörer ruhig noch ein wenig in dem Sumpf schwelgen lassen können.

"From The Hill" ist da mit seinen 9 Minuten und 26 Sekunden besser geraten. Hier könnte man meinen, dass sie Neurosis den Soundtrack eines langsamen, qualvollen Todes aus der Hirnrinde gepult haben. Von der schweren Krankheit bis zum Exitus. Verzweiflung, Gedanken an die schöne Zeit des Lebens und der langsame Niedergang. Perfekt.

Eines der Meisterstücke ist gleichzeitig einer der längsten Songs, die Neurosis je geschrieben haben. Betitelt: "Falling Unknown", 13:10 min. Auch hier nimmt sich die Gruppe alle Zeit der Welt um dem Hörer eine Gänsehaupt den Rücken hinunter zu jagen.
Besonderst hier macht es sich bemerkbar, wie wertvoll Kris Force für die Band ist. Wer jetzt immer noch nicht in der Welt der Band gefangen ist hat sich wohl neben Tomaten noch ziemlich viel Zement auf/in die Ohren gepackt.

Den Abschied gestalten uns Neurosis besonderst schwer: Das melancholischste Stück der Platte, "Stones From The Sky" absichtlich ans Ende dieser CD gestellt, zieht sich wie ein langsames Messer durch tiefe Wunden der Seele. Es schmerzt, man windet sich, doch noch nie war der Schmerz so schön. Und damit es richtig weh tut, lassen Neurosis das Ende des Songs quasi offen. Neurosis spinnen sich in eine Endlosschleife ein, bauen einen Kokon um sich herum, der langsam aber sicher Formen annimmt und die Band immer mehr vom Hörer abkapselt. Der Sound wird leiser, verrauschter, der Empfang schlechter. Lücken treten auf und dann haben es Neurosis fertig gebracht: Stille.

"A Sun That Never Sets" ist anders und doch genauso gut. Man ist fast schon geneigt zu sagen: Wer braucht schon die alten Neurosis ? Aber nur fast, denn manchmal braucht man auch diese. Vor allem wenn der Hass wächst und die Melancholie abnimmt.

Das einzige was man diesem Album im entferntesten ankreiden könnte ist, dass der Name Neurosis auf dem genialen Cover steht...

11.03.2005
kervorkian


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!