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naervaer - skiftninger


Erscheinungsjahr: 2001
Label: Prophecy
Tracks: 15
Spielzeit: 64:23
Genre: Alternative
Subgenre: Progressive Neofolk
naervaer.jpg
Bewertung: 9/10

rating

Nach zahlreichen guten Alben, die mich aber nicht vom Hocker gehauen haben, halte ich mit Naervaers Debüt das erste echte Highlight des Jahres 2001 in den Händen.
Debüt-CD stimmt insofern, als dass es das erste Full-Length Album der Band ist, die seit Mitte der Neunziger existiert. 1997 wurde schon ein erstes Lebenszeichen in Form einer 7inch auf den Markt geworfen, welches ebenso wie der Longplayer auf Prophecy-Productions erschienen ist.

Der Kern von Naervaer besteht eigentlich nur aus zwei Leuten:
Terje Sagen, der neben Gitarre, Piano und Gesang auch noch fast alle Lieder schreibt, und Jan K. Transeth, ein Ex-Mitglied der großartigen ...In the woods. Letzterer schreibt mit Terje die Songs und steuert oftmals auch die Lead Vocals bei.

Des weiteren zu erwähnen ist der fast schon zur Band gehörende Drummer/Percussionist Tommy Jackson und - auch Ex-In the woods - Synne Larsen, die ab und an die Vocals übernimmt. Der Rest sind mehr oder weniger Gastmusiker.

Dass die Instrumentalisten ihre Sache gut machen, brauche ich keinem zu erzählen, der die oben genannte Band kennt. Immerhin machten ...In the woods auf ihren drei veröffentlichten Alben dabei keine schlechte Figur- besonders, wenn es um kreative Ideen und Improvisationen ging.

Der mir unbekannte Terje Sagen scheint eher in der Tradition älterer Songwriter zu stehen, was schon aus dem (aus der Reihe fallenden) Titel "Bob Dylan is the fucking King" hervorgeht. Und in der Tat beherrschen minimalistische, oftmals nur aus Gitarre und Gesang bestehende Passagen das Album. Was hier geboten wird, ist schwer zu beschreiben, auf dem Coveraufkleber wird es als eine Mischung aus Prog Rock, Jazz, Folk, und 70´s Rock beschrieben, was im Groben so stimmt. Allerdings liegt der Schwerpunkt meiner Meinung nach auf schwedischem Folk und Singer/Songwritern. Auch mit den Bands, die zum Vergleiche herangezogen werden, hat man nicht allzu viel am Hut. Travis sind viel mehr Pop, Sigur Ros entrückter und Godspeed you Black Emperor sind zu episch.
Was also bleibt ist nahezu eigenständig. Mir fällt Tenhi als passender Vergleich ein, vielleicht auch "Kveldssanger" von Ulver und das letzte Empyrium Album.
Aber auch das hinkt, denn Naervaer spannen den Bogen viel weiter als oben genannte, zwischen fast schon avantgardistischem Treiben bei "Sug 99" und humorvollen, akustischen Songwriterperlen bei dem angesprochenen "Bob Dylan…". Gerade das macht die Band so wertvoll, sie transportiert nicht durchgehend eine Stimmung, sondern ein ganzes Potpourri dessen, obwohl die Grundstimmung düster ist, ähnlich einem nebligen Morgen in Skandinavien.

Eine ruhige Grundstimmung. Friedvoll, aber teilweise mystisch verklärt, ab und zu auch aufgerüttelt von einem irritierenden Geräusch. Das Album verkörpert diesen ambivalenten Augenblick des meditativen In-Sich-Gekehrt-Seins beim morgendlichen Sitzen in der freien Natur geradezu beängstigend authentisch, mit all seinen Stimmungen und unbewussten Ängsten unter der ruhigen Oberfläche.
Dort, wo andere Bands nur Oberfläche und Untergrund betrachten, da gehen Naervaer weiter und lassen auch die üblicherweise übergangenen Zwischenschichten nicht außer Acht.

All das macht Naervaer einzigartig und eigentlich so entbehrlich an überflüssigen Vergleichen.
Doch wie äußert sich das alles in den Songs?
Den Anfang mach das in zwei Tracks unterteilte "To Plan" (wohl schwedische Lyrik) mit seiner zu Beginn sehr ruhigen naturmystischen Stimmung. Das Akkordeon (meines Erachtens noch viel zu selten in dieser Art der Musik eingesetzt) schafft eine melancholische Stimmung, die durch die sparsam eingesetzten Gitarren und die leisen Vocals noch unterstützt wird. Im gesamten Opener ist die Atmosphäre sehr neblig und nordisch, drückt aber doch eine heimelige Wärme aus, etwa wie bei einem ausgehenden, noch warmen Lagerfeuer am frühen Morgen. Als wäre die Situation gar nicht beendet worden, geht der erste Teil des Songs in den zweiten über, der so ganz anders ist. Fast schon hektisch und aufgebracht werden hier die schwedischen Lyrics dargeboten, manisch und verrückt werden immer die gleichen Zeilen wiederholt, was sich erst gegen Ende beruhigt und in die ursprüngliche Stimmung zurückkehrt, allerdings mit dem Gefühl der Veränderung.
"Dose Dager" klingt wie eine Mischung aus 70er Jahre Songwriting auf schwedisch und alter naturgebundener skandinavischer Folklore. Sehr ruhig und minimalistisch drängt sich der Song nicht auf, er existiert einfach und hinterlässt mit seiner stoischen Ruhe, die nur wenn nötig durch lauter werdenden Gesang gestört wird. Fernab jeglicher Weltlichkeit wird hier aus voller Seele musiziert.

Das Highlight kommt dann mit "Vi Sa´kke Land", schon jetzt in meiner ewigen Top Ten eingegliedert. Einen derart tiefgehenden emotionalen und gleichzeitig intelligenten Song habe ich schon lange nicht mehr vernommen. Und das, obwohl ich die Lyrics nicht verstehe. Aber offensichtlich ein wachrufender Song, einer, in dem die Entdeckung etwas Großem bevorsteht. Über die wunderschönen zweigeteilten Vocals kommt man allmählich zum Zwischenpart, der gänzlich anders klingt. Synne Larsen singt (was ja alleine schon Grund zum Jubeln ist), als wäre der Frühling ausgebrochen. Derart betört wird man selten, und der Part währt auch nicht allzu lange, da wird einem wieder Aufbruchsstimmung nach dem kurzen Verweilen um die Ohren geschmissen.
Neun Minuten lang ist der Song, und keine Minute zu viel, im Gegenteil, nach dem Ende schreit die Repeattaste nach ihrem Einsatz. Nahezu perfekt!

Der Rest des Albums läuft nach diesem Monster von einem Song natürlich Gefahr, ins Belanglose zu kippen, aber das wird umschifft, indem die Richtung geändert wird und fortan erstmal sehr besinnlich unprätentiös, mit wenigen Gesten musiziert wird.
"92 - Tid - 99" ist nur von zwei Akustikgitarren getragene Meditation, zum Glück frei von esoterischem Schwurbel, "Nummen" ist ähnlich gelagert, nur mit fantastischem Gesang veredelt.

Der auf dem Coversticker angesprochene Jazz findet dann endlich in "Sug 99" seinen Platz. Natürlich kein klassischer Jazz, und auch wenig offensichtlich, es ist eher die freie Struktur, das Improvisierende des Free Jazz, was sich in dem erneut zweigeteilten Track wieder findet. Und so kommen auch keine Blasinstrumente zum Einsatz, sondern Glockenspiel, Klavier und elektrische Geige, Marimbas und mehr Percussion. Das artet beileibe nicht so aus, wie man erwarten könnte, immerhin wird kein Tutti dargeboten, in dem alle Instrumente gleichzeitig eingesetzt werden, eher folgt ein Solo dem anderen, teilweise überlagern sich die Instrumente etwas polyphonal, was dann recht avantgardistisch klingt. Sehr schwierig der Track und so Recht anfreunden kann ich mich über die gesamte Distanz von 10 Minuten nicht, da doch sehr befremdlich, aber eine neue Hörgewohnheit allemal.

Die sich ergänzenden "To Oyer…" und "... To Hav" erstrecken sich verwirrenderweise über drei Tracks, die ineinander übergehen, und repräsentieren wieder die sehr ruhige, leicht neblige, mystisch verklärte, aber songwriterische Seite von Naervaer, ganz alleine von Terje mit der akustischen und spärlichem (Sprech-)Gesang dargeboten, gerade wegen dem Minimalismus einer der Höhepunkte des Albums. Zart angeschlagen entfalten die Töne beim Abklingen ihre volle Wirkung, weil der nächste Ton noch nicht erklungen ist. Fantastisch. Als Einleitung in den skandinavischen Countrysong "En Lonesome…" wurde ein Trauerchor gewählt, der nicht als Track gelistet ist, superb verzweifelt und düster.
Wie dann auch der Song an sich, nicht mit amerikanischem Country zu vergleichen, obwohl doch auch ähnliche Trademarks und ähnlicher Aufbau. Es liegt wohl an der melancholischen Klangfarbe und dem anderen Laut der schwedischen Sprache, die hier anscheinend mit der englischen verwoben wurde. Leider mit zwei Minuten viel zu kurz, um sich wirklich zu entfalten.

Mit dem als Bonus gelisteten Track Nr. 15 geht es mit einem der typischen Motive Naervaers dem Ende zu. Zwei Gitarren unterschiedlicher Klangfarbe umspielen sich steigernd und selten gehörte Töne entfalten sich, bevor andere, seltsame Geräusche sich den Weg durch das akustische Dickicht bahnen. Irgendwann werden dann doch die Akkorde aufgegriffen und die Melodien trancefördernd wiederholt.


Die ganze CD wirkt sehr spontan, teilweise improvisiert und so auch sehr natürlich, die Produktion hält sich vornehm zurück, und untermauert so die unaufdringliche Amtosphäre, die dennoch so viele Bilder im Kopf auslöst.

Eine Empfehlung, für all diejenigen, die ihr Heil noch nicht in der hektischen Moderne gefunden haben.


Ähnlich:
Bob Dylan, Sigur Ros, Tenhi, Ulver, Godspeed you! Black Emperor, Empyrium

28.03.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!