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my dying bride - the angel and the dark river


Erscheinungsjahr: 1995
Label: peaceville
Tracks: 6
Spielzeit: 60:25
Genre: metal
Subgenre: gothic metal
mydyingbride.jpg
Bewertung: 9/10

rating

Ein kalter Wintertag.
Dein Hamster ist tot.
Dein Konto leer.
Kühlschrank ? Dito.
Deine Freundin: Abgehauen.
Dein Vermieter ist gerade zur Tür raus und droht dir die Knochen zu brechen, wenn du die Miete von vor 3 Monaten nicht bezahlst.
Die Heizung ist schon abgestellt.
Du legst diese My Dying Bride-Platte auf.
Du hörst die ersten 3 Lieder.
Langsam stehst du auf auf, gehst zum offenen Schrank.
Ganz geschmeidig greift du zur Schrotflinte...

My Dying Bride gelang mit dieser Platte 1995 wohl ein kleines Kunststück: Selten habe ich so eine depressive, schöne und lebensverneinende CD gehört.
Die Band aus England, die mit "The Angel And The Dark River" damals ihr drittes Album ablieferte (inzwischen sind es schon 6), begann als reine Death-Metal Band mit dem Debüt "As The Flowers Withers", baute beim Zweitling "Turn Loose The Swans" schon etwas doomigere und melancholische Parts in ihre meist überlangen Songs ein. Das berühmte Markenzeichen der Band war damals sicher, dass sie mit Martin Powell (heute Cradle Of Filth) einen Keyboarder in ihren Reihen hatte, der aber auch öfter die Violine auspackte und somit My Dying Bride von den anderen Bands abhob.

Der Opener "The Cry Of Mankind" (mit seinen 12 Minuten längster Song) baut sich langsam auf. Traurig-schöne Keyboardparts prallen auf tonnenschwere Riffs, bis alles in eine wunderschöne Keyboard-Ohrwurmmelodie übergeht, dann setzt der "Gesang", bzw. das Wehklagen von Sänger Aaron ein, bei dem man den Eindruck gewinnt, dass er im Begriff ist, jeden Moment von einer Brücke zu springen. Einer der schönsten Songs, die je mein Ohr erreicht haben. Sofort nehmen einen die melancholischen Klänge mit auf eine Reise, man versinkt in eine Art Trance und vergisst alles um sich herum. Das pure Selbstmitleid bricht an. Die Welt is furchtbar schlecht. Und doch Wunderschön. Der Schrei der Menschheit. Besser kann man diesen Song nicht benennen. Das folgende Werk
"From Darkest Skies" beginnt mit einem Gänsehaut-Violinen Part und den Klagen Aaron´s. Eine einzige Songzeile bringt den rund Acht-Minütigen Song perfekt auf den Punkt: "Under Heavy Rain From Darkest Skies". Auch hier dauert es nicht lange, bis die Trance das Gehirn etwas tiefer gelegt hat. Als kleine Überraschung haben My Dying Bride noch einen Kirchenorgel-Part eingebaut, der dem Hörer sofort die Gänsehaut über den Rücken jagt und allen Black-Metal Bands dieser Welt zeigt, wie man wirklich böse klingt.
"Black Voyage". Eigentlich haben mir die Briten die Arbeit schon abgenommen, denn ihre Titel umschreiben ihre Songs eigentlich zu genüge. "Black Voyage"... wohin ist ungewiss. Rückkehr ? Nicht ausgeschlossen, denn manchmal lassen auch My Dying Bride einen Funken Hoffnung aufschimmern. Dieser wird allerdings schnell wieder von gandenlosen Doom-Parts plattgedrückt. Die Hoffnung bleibt. Dauer der Reise: 9.46 Minuten ohne umsteigen. Zeit genug um tödlich zu verunglücken oder sich an dem genialen Violinen-Spiel zu ergötzen. An den Spielzeiten kann man schon ablesen: My Dying Bride haben es nicht eilig. Zähflüssig und langsam kriecht der dunkle Sound langsam über den Rücken des Hörers. Tote haben Zeit. Viel Zeit. "A Sea To Suffer In", mit 6:31 Minuten der kürzeste Song, lässt nocheinmal kurz die Death-Metal Roots aufblitzen. Nicht ganz so langsam, aber dafür um so Grooviger räumt die Band den Weg zum Friedhof frei. Obwohl die Texte eher weniger etwas mit Friedhöfen, schwarzen Männern, oder gar ganz bösen Wesen mit Dreizack, Pferdefüßen und Hörnern zu tun haben, sondern eigentlich eher mit einem ganz banalen Thema, dass uns alle auch irgendwie beschäftigt: Sex. Allerdings in Packende Herzschmerzgeschichten verpackt. Zerbrochene Beziehungen, Beziehungen, die durch den Tod erheblich verkürzt wurden oder einfach nur simple, unbefriedigte Lust. Schmerz und Trauer sind die Schwerpunkte. Aber auch Wut und Hass. "Two Winters Only" besticht gleich nur das wunderschöne Intro, dass den 9-Minuten Epos in geordnete Bahnen lenkt. Die langsame Steigerung folgt.
Die harten Stromgitarren müssen allerdings ein wenig warten, stattdessen kommt ein Orchester zum Zug, das die Tränen, die beim Hören zu passender Zeit auch durchaus fließen können, nur noch mehr fördert.
Nach 4 Minuten kann man dann zu erstenmal im Laufe der
Platte so etwas wie ein Refrain ausfindig gemacht werden. War die Platte bisher unvergleichbar, so werden hier einige Parallelen zu den älteren Katatonia auffällig. Das Violinen-Solo von "Your Shameful Heaven" läutet das Ende der Platte ein.
Ja, richtig gelesen. Nach 6 Songs ist schon Schicht im Schacht. Spielzeit: Rund 52 Minuten. Auch hier brechen die Death-Roots etwas aus. Eindeutig der wütendste Song von "The Angel And The Dark River". Wenn auch wunderschön und unbeschreiblich. Und sogar teilweise richtig schnell. Wut gegen Ende. Förderung der Selbstzerstörung ? Ist das Ziel Brücke schon in Sichtweite? Das letzte Aufbrausen vor der ewigen Ruhe ?
Für Digipak-Besitzer nicht, denn die dürfen noch einen Bonustrack bestaunen: "The Sexuality Of Bereavement". Hier wird räudig gegrunzt. Das doomigste Stück der Platte. 8 Minuten Schwermut pur. Hebt die Laune aber sicher nicht direkt. Nach 60 Minuten ist endgültig Schluss. Faszinierend. Wie kann eine Platte nur soviel Einfluss auf die eigenen Emotionen haben? Das wussten wohl nichtmal My Dying Bride selbst, denn die Intensität dieses Werkes haben sie leider nie mehr erreicht. Kann man ihnen aber nicht übelnehmen. Man sollte ihnen eher danken, dass sie ein Mittel erfunden haben, dass den Freitod vereinfacht. Sterbehilfe ? Illegal ? Was solls. Was Hackethal durfte sollte man auch My Dying Bride nicht verbieten. Immerhin gibt es die CD auch schon seit knapp 6 Jahren und bisher wurde die Band noch nicht verklagt. Wer nicht will, der hat schon. Oder so ähnlich.

Wie ist so eine Platte aufgemacht? Schlicht. Wahrscheinlich mit viel Schwarz. Falsch. Weiß ist die Devise. Ein weißer Hintergrund. Ein wunderschönes Schwarz-Weiß Akt-Foto (wenn auch verdeckt, Voyeure müssen nicht gleich zum Händler aufbrechen und können sitzen bleiben), dass durch seine Undurchschaubarkeit und Erotik die Texte perfekt widerspiegelt. Mit einfacher, zerbrechlicher Schrift sind Titel und Bandname vermerkt.
Die CD selbst ist schön wie eine Braut. Ganz weiß. Durch die kleine graue Schrift wird aufmerksam gemacht um welche CD es sich handelt. Das Backcover kommt sogar so minimalistisch aus, dass nur die die schwarzen Songtitel auf dem weißen Hintergrund hervorstechen. Die Passende Verpackung. Ästhetik, das passende Fremdwort hierfür.

Eine Faszinierende Platte, wie schon oft genug erwähnt, dass einen den trüben Alltag vergessen lässt und durch Selbstmitleid-Therapie hilft. Trance ist ein weiteres Stichwort. Selbstmordgefährdete sollten die Platte aber lieber trotzdem in der Regel verstauben lassen, falls sie sich doch nicht ganz so sicher sind... Diese Platte ist eine einzige Tragödie.

Was geschah bei My Dying Bride nach dem Album? Durch die Tour mit Iron Maiden 1995 konnten sich die Briten einen kleinen, aber feinen Fankreis erschließen. 1996 folgte das Album "Like Gods Of The Sun". My Dying Bride hatten gelernt, ihre Botschaften auch mal in 4 Minuten zu verkünden und war der längste Song der Platte nur 7 Minuten lang. Melancholisch ging man immer noch zu Werke, wenn auch nicht mehr halb so konsequent, wie noch Anno 1995. Mit "For You" war sogar eine richtige kleine Hit-Single vertreten.
1998 dann die Überraschung: "34,788%... Complete" macht dem schrägen Titel alle Ehre. Ein ungewöhnliches Album, dass sogar mit Trip-Hop kokettierte und von dem Fans etwas verhalten aufgenommen wurde. Zu Unrecht, denn dieses mutige ist auf jeden Fall neben "The Angel And The Dark River" sicher das beste der My Dying Bride-History. Funkstille. Besatzungsprobleme. Die Hälfte der Band ging fort. Jeder in eine andere Richtung: Drummer Richard in den Ruhestand, Gitarrist Calvin ins musikalische Exil und Keyboarder Martin fand bei Cradle Of Filth einen Platz. Die 3 verbliebenen (Aaron, Ade und Andy) schnappten sich mit Shaun Steels den Drummer von Anathema, ließen das Keyboard + Violine unbesetzt und sahen auch keinen Grund dafür einen zweiten Gitarristen einzustellen. 1999 kam "The Light At The End Of The World". Eindeutig ein Schritt Back To The Roots in die Zeit vom Zweitling "Turn Loose The Swans". Schade eigentlich. Egal. Trotzdem töfte Platte.

Wer sich angesprochen fühlt, darf die Band gerne mit seinem hart verdienten Geld unterstützen. Verdient haben sie es wie so viele zuvor auch.

11.03.2005
kervorkian


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!