. .

mars volta - frances the mute


Erscheinungsjahr: 2005
Label: universal
Tracks: 12
Spielzeit: 76:55
Genre: alternative
Subgenre: alternative progrock
marsvoltafrances.jpg
Bewertung: 7/10

rating

Ich weiß nicht, warum "Frances the mute" Album des Monats in der Visions wurde. Ich weiß nicht, wie das selbe Album auf 2 von 10 Punkten in Pitchforkmedia.com kam. Ich weiß aber eines: Die neue Mars Volta polarisiert. Extrem.

Ihr Debütalbum "De-loused in the comatorium" gefiel noch (fast) jedem. Da steckte der progressive Alternative Rock in meist nachvollziehbaren Songs, der Wahnsinn lugte schon hinter der Fassade hervor, wurde aber von fantastischen Melodien und wundervollen Ideen in Schach gehalten. Wohl nicht zuletzt durch Soundmagier und Klangarchitekt Rick Rubin, der als außenstehender ein wachsames Auge auf die Konstrukte der wahnsinnigen Genies um Cedric Bixler-Zavala und Omar a Rogriguez-Lopez hatte. Da durfte zwar auch mal ein "Cicatriz ESP" vier Minuten außer Kontrolle in einen Waberzustand geraten und durch multiple Gitarrensoli in ein wirres Etwas zerfranst werden, aber der große Teil der Songs - allen voran "Inertiac ESP" - hielt sich in einem Rahmen auf, der zwar drückte und zwickte, aber das Format hielt.

"Frances the mute" sprengt den Rahmen. Ohne Rick Rubin fehlt der Kit, der Leim und so war es fast unausweichlich, dass das Holz birst. So verteilen sich die Einzelteile der Songs genüßlich im Raum, aber nicht ohne dass Rodriguez-Lopez ihnen wie ein Theaterregisseur Befehle erteilte. Freilich können diese nicht immer darauf hören - oder wollen gar nicht. In "Cassandra Geminni" bauen sich Gitarrensoli aufreizend auf, platzieren sich Flöten dort, wo man sie nie erwartet hätte und befremdliche Vocodereffekte meutern das Mikrofon. Ich glaube fast, dass der Song sich verselbstständigt hat und die verworrene Trackaufteilung eigens so forciert hat. "Cassandra Gemini" ist nämlich unerfindlicherweise auf Track 5 bis 12 verteilt - besteht aber nur aus fünf Movements. The Mars Volta waren das bestimmt nicht. Die wissen was sie tun.
Offiziell heißt es dann, die CD wurde auf diese Weise künstlich aufgefüllt, um den Albumstandard zu halten. So ein Quark...


The Mars Volta brachten die Progressivität in den emotionalen Hardcore. Es waren nicht die Led Zeppelin unserer Zeit. Wirklich neues erschufen The Mars Volta nicht - sie führten lediglich das zusammen, was zusammen gehörte. Wenn es schon kein anderer macht. The Mars Volta waren nicht die neuen Led Zeppelin. Dazu war auch das Gitarrenspiel zu schlecht. Nicht umsonst holten sie sich auch noch John Frusciante ins Boot, der ein paar Gitarrensoli aus dem Ärmel schüttelte. Frusciante ist ein kreativerer und emotionalerer Gitarrenspieler als Rodriguez-Lopez - in ihrem Können unterscheiden sie sich ansonsten kaum. "De-loused..." war weit davon entfernt, Progressive Rock zu sein. Es war mehr At the Drive-In. Die Songs waren zwar ein bisschen länger und teilweise ließen sich größere Strukturen erkennen, aber im Prinzip war das ihre frühere Band mit ausufernderen Kompositionen.

"Frances the mute" macht einen großen Schritt Richtung Prog Rock. Was schon bei der Story hinter dem Album anfängt. Jeremy Ward - verstorbenes Ex At the Drive-In Mitglied - fand auf dem Rücksitz eines Taxis ein fremdes Tagebuch, in welchem er eine merkwürdige Koinzidenz zwischen seinem Leben und dem Leben des Tagebuch-Protagonisten erkannte. Das Tagebuch wurde, verwoben mit dem Vermächtnis Jeremy Wards, zum zentralen Thema von "Frances the mute". Und damit auch das entschwobene Leben Jeremy Wards und die Beziehung der übrigen Bandmitglieder zu ihm. Isolation, Kommunikations- unfähigkeit, Drogen, Krankheit (körperlich wie geistig), Sucht.
Auch das Artwork erinnert an verblichene Prog Helden. Storm Thorgerson, der Chefdesigner, entwarf auch eine Menge Cover für Pink Floyd. Das von "Frances the mute" erinnert nicht nur optisch an jenes von "Wish you were here". Hinter beiden steckt die Idee von Unerreichbarkeit, von Verlust (eines ehemaligen Bandmitgliedes - dort Syd Barrett, hier Jeremy Ward) und von Isolation. Während das Cover schon fast trivial geraten ist, sind die surrealistischen Fotos im Innern des Booklets besser, behandeln aber ebenfalls oben genannte Themen. Der Schaufensterpuppentorso mit Kopf sieht sich im Spiegel als realer Mann, während ein gesichtsloser, abgestiegener Fahrradfahrer die Szenerie, die auf einem Industriegelände spielt, betrachtet. Das reale, korrekte Leben scheint greifbar, ist aber gleichzeitig unendlich weit entfernt. Dass der Protagonist sich bemüht und sich auf dem Wege wähnt, scheint sicher. Die Movement-Liste von "Cassandra Gemini" wird im Booklet bildlich unterlegt von der schwierigen Suche des Protagonisten nach dem richtigen Weg, nach seinen Wurzeln. Auf einem Baum, dessen Wurzeln sich krakenarmig in die Tiefe strecken ist der Mann in weißer Kleidung erst am Anfang. Es wird noch lange dauern.

"Cygnus....Vismund Cygnus" ist der Song, der am ehesten an alte Zeiten erinnert. Nach der kurzen Einleitung "Sarcophagi", mit der das Album nach dem letzten Song "Cassandra Geminni" auch endet (lediglich lauter), zieht das hektische, fast chaotische Drumming in einen über zehnminütigen Sog. Man könnte es funky nennen, wäre es nicht so überdreht und komplex. Englische und spanische Textfetzen sorgen zusätzlich für Verwirrung, passen aber wie die Faust auf's Auge. Vokabular und Songaufbau wirken wie von einem Geburtsvorgang inspiriert - und es erscheint sogar eine Nachgeburt. Die dauert über drei Minuten und erinnert mit der Verknüpfung von billigen elektronischen Soundeffekten und Straßengeräuschen ebenfalls an Pink Floyd. Und ist heute genauso überflüssig oder nötig wie damals. Für die Atmosphäre hätte es genauso zwei Minuten weniger getan.

Die Überleitungen zwischen den Songs funktionieren nahtlos. Obwohl "The Widow" wahrscheinlich entstanden ist, als die Plattenfirma mal unangekündigt bei Mars Voltas unendlichen Jam-Sessions hereinplatzte. Ein offensichtliches Tribut an den Kommerz und unerhört für eine Band wie The Mars Volta. Zwischen pathetischem Hardrock und melancholischem Blues würde der Song eher auf das nächste Guns'n'Roses Album passen. Auch, wenn Flea mal dazwischentrompetet und sich die Gitarrensoli kurz verselbstständigen: Das passt nicht so ganz rein - mag der Übergang von "Cygnus....Wismund Cygnus" noch so elegant sein. Das haben offensichtlich auch The Mars Volta erkannt und ergriffen die Gelegenheit, den Leuten von der Plattenfirma anschließend noch den nackten Arsch zu präsentieren: Die letzten drei Minuten des Songs klingen wie eine besser nie veröffentlichte schlechte B-Seite von Krautrock-Heroen wie Faust, Neu! oder Can. Natürlich total überflüssig. Und höchstens beim ersten Mal hören lustig. Leitet aber wiederum schön in das folgende "L'Via L'Viaquez" über, dessen Anfang klingt, wie ein Drumset, das versucht, wie eine Schreibmaschine zu klingen. Das Weitere ist leider nicht unbedingt der Rede wert. The Mars Volta haben einen für ihre Verhältnisse mittelmäßigen Song mit spanischem Text geschrieben und jammen zwischendurch offensichtlich mal mit Santana. Nett für nebenher und Sonntagnachmittage auf dem Balkon.

Vogelgezwitscher führt in "Miranda that ghost just isn't holy anymore" über. Der atmosphärischste Song der CD erinnert mal wieder an Pink Floyd - ob nun "Echoes" oder ein anderes ihrer Ambientstücke Pate stand, sei mal dahingestellt. Fakt ist: Das Teil kommt nur über Kopfhörer. Dann aber so richtig. Mittlerweile ist mir "Miranda" (der Charakter, dessen Name übrigens vielfach belegt ist, tauchte erstmals in "L'via" auf) richtig ans Herz gewachsen. Sei es über das Steine erweichende Trompeten-Solo, über die überragenden Akustikgitarren, oder über die besten Gesangslinien auf der ganzen CD. Wenn die Streicher auch die letzten Löcher im Sound schließen, ist der Pathos nicht hohl, sondern ergibt sich völlig selbstverständlich aus dem Konzept. Und zum ersten Mal funktionieren auch die elektronischen Spielereien.

Erstaunlich sprunghaft beginnt danach "Cassandra Gemini". Der mit über einer halben Stunde längste und komplexeste Song der CD ist der einzige, dem man mit Fug und Recht das Attribut "Prog" im herkömmlichen musiktechnischen Sinne anheften kann. Der Aufbau gleicht einem klassischen Stück, die Vokalverfremdungen tauchten schon so ähnlich beim Genesis-Meisterwerk "The Lamb lies down on broadway" auf und das (gelungene) Instrumentengegniedel in Track 8 hätte auch auf einem King Crimson Album stehen können. Aber hier ist auch noch genug At the Drive-In enthalten, so dass die alten Fans sich die Rosinen, in dem Fall Track 5, 6 und 11, herauspicken können. Track 7 bietet übrigens die einzige Passage, in der das Orchester mal zu dick aufträgt. Etwas zu viel Butter. Alles in allem birgt "Cassandra Geminni" aber überraschenderweise genug Substanz, um die 33 Minuten Spielzeit zu rechtfertigen. Eine faszinierende Reise durch fremde Bewusstseinsströme beendet also dieses Album. Ohne den Titeltrack. Der Text von "Frances the Mute" ist zwar durch das Tray zu lesen, der Song aber ist erst auf einer kommenden EP ("The Widow") zu finden. Da hatten die Leute von der Plattenfirma wohl doch den größeren Arsch. Dafür einen halben Punkt Abzug - wäre doch gelacht, wenn ich nicht den Größten hätte.


Ähnlich:
At the Drive-In, Led Zeppelin, Pink Floyd, King Crimson, Yes, Gentle Giant, Genesis, Santana, Gong, Red Hot Chili Peppers

05.04.2005
stativision (Tobias Goris)


:: Comments ::


Comment
Name:

Comment:

Security question, please solve:

JWD         X        
  J    F    K N   MEW
  W   K7J   HYD      
  4    W      F   BT7
  S           O      



Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!