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lubman, brad - insomniac


Erscheinungsjahr: 2005
Label: tzadik
Tracks: 9
Spielzeit: 50:39
Genre: avantgarde
Subgenre: electronic composition
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Bewertung: 6.5/10

rating

Brad Lubman ist ein geschätzter Dirigent. Berühmte Orchester und erstklassige Komponisten loben ihn für seine Lebhaftigkeit und mitreißende Führungspräsenz. Weniger bekannt ist der 43-jährige Amerikaner als Komponist, obwohl er bereits seit 1988 mehr oder weniger regelmäßig kleine Stücke schreibt. Sowohl im elektronischen, als auch im akustischen Bereich. Jedoch, die Werke wurden nicht auf Tonträger konserviert - bis sich Tzadik Lubman annahm - oder umgekehrt.

"Insomniac" ist eine Zusammenstellung von überwiegend elektronisch komponierten, jüngeren Stücken (2002 bis 2005), die sich aber, besonders im viergeteilten "Jumping to conclusions", das mit dem Zangiacomo Streichquartett aufgenommen wurde, mit moderner Klassik überschneiden.

John Cage dehnte die Begrifflichkeit der Musik in der Mitte des 20. Jahrhunderts in alle erdenklichen Richtungen. Bei ihm überwältigte das Geräusch die Melodie, bis schließlich nur noch Stille übrig war. Mit elektronischen Tonquellen erforschte er musikalische Ecken, an die bis dahin wohl kaum ein Mensch dachte. Zumindest nicht daran, sie ernsthaft in Kompositionen einzubauen. Cage spielte mit ihnen, er kombinierte sie mit moderner Klassik und ließ sie alleine stehen, er präperierte seine Instrumente, bis sie wie ein anderes klangen.

Brad Lubman steht im Schatten von John Cage, er beschränkt sich auf die tiefergehende Analyse von Geräusch, dessen Bezug zur Musik: Rhythmus, Tonalität und Atonalität - und umgekehrt; wie steht (elektronische oder akustische) Musik in dieser unsrigen geräuschvollen Welt. Melodien stürzen ab, werden von Alltagsgeräuschen, Sprachsamples, Knastern und Knacken und Kräuseln überlagert und wieder frei gegeben. Besonders in "Jumping to conclusions" verfolgt er diesen Ansatz. In diesem zentralen, auf vier Tracks aufgeteilten 12-minütigen Stück klingt besonders der Einfluss von Steve Reich an. Repetitive, aufgeregte, manchmal atonale, aber schöne Streicher werden unterwandert von dicken, elektronisch erzeugten Beats (absichtlich mal mehr oder weniger passend), Rauschen in den unterschiedlichsten Frequenzen und, natürlich, Sprachsamples, die - durchaus (selbst)ironisch - der Musik eine Botschaftsdimension verleihen ("because of soundwaves", "my art has no value"). Das Streichquartett hört sich so an, als hielt es die Fahne der intelligenten, modernen Klassik in einer U-Bahn Station hoch (im Track "q") oder als spiele es in einem Einkaufszentrum oder Flughafen (in "my art has no value"). Eine interessante Auseinandersetzung, wie Musik in dieser modernen, hektischen Welt wirkt und diese Wirkung mit verschiedenen Hintergrundgeräuschen ändert. Sicher nicht bahnbrechend, aber quirlig und reizvoll gespielt und trotz der eigentlich abgenutzten Verwendung von Sprachsamples in moderner Klassik lohnend.

Unter den rein elektronischen Kompositionen muss man sich die Perlen suchen. Der Opener "Garden" gehört sicherlich dazu. Hypnotisch perkussiv erinnert das fünfminütige Stück eher an modernen, meditativen Japanelektro. Das Zirpen und klingeln (das Stück ist eher im hohen Frequenzbereich angesiedelt) ist angenehm verschachtelt, wechselt immer mal wieder die Richtung und verliert trotzdem nie den Faden. Hätte auch eine Kammermusik für ein Streichquartett werden können.

"Scary Plumbing Remix 1" klingt dagegen eher wie der umgekehrte Weg: Eine akustische Aufnahme elektronisch verfremdet, Streicher münden in rauschende Sounds und daraus entstehen wieder Andeutungen von Melodien. "K.O.M. 2" macht im Prinzip dasselbe, spielt aber mit einer extremen Laut/Leise Dynamik und einem ganzen Orchester. West Side Story durch eine Art Scratch-Wolf gedreht. Das ist natürlich extrem aufmerksamkeitserregend und per cut & paste hervorragend zusammengemodelt, aber für fast 10 Minuten ist die Luft zu schnell raus. Gar nicht erst rein kommt sie in die eher enttäuschenden abschließenden "Entry Level", eine siebenminütige Geräuschcollage, deren Sinn ich nicht erkennen kann und auch schon hundertmal zuvor dagewesen ist - genau wie die Sprachsample-Orgie mit darübergelegten Klassikanklängen und viel Geräusch "Used Psychology". Hier stimmt wenigstens der Titel und das Zusammenspiel von mehreren Sprachen in den Samples.

Eine lobenswerte Herangehensweise in dieser recht heterogenen, ein breites Spektrum abdeckenden Sammlung, aber nur 2/3 des Albums ist gelungen. Von den tollen "Garden" und "Jumping to conclusions" abgesehen kann man getrost auch weiterhin bei Reich und Cage starten und bei erst bei Bedarf das hier antesten.

www.bradlubman.com


Ähnlich:
John Cage, Steve Reich, John Zorn, Karlheinz Stockhausen, John Adams, Hindemith

26.03.2006
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!