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loonatikk - ocean pearls


Erscheinungsjahr: 2006
Label: mdd/chiller lounge
Tracks: 12
Spielzeit: 50:28
Genre: rock
Subgenre: ocean rock
loonatikk_ocean.jpg
Bewertung: 7.5/10

rating

Man kann nur ahnen, was passiert sein muss. Eine Art Reifeprozess während der Reisen von Weltenbummler/Sänger/Bassist Frank vielleicht. Eine neue Liebe vielleicht. Oder zuviel kalifornische Sonne vielleicht. Jedenfalls ist das Resultat verblüffend: Nach den Anfängen von Loonatikk in den Untiefen des Thrash Metal und nach Heavy (Blues)Rock mit Elvisschmalz in der Stimme verarbeiten sie nun lateinamerikanische Klänge, Lounge Rock und Copacabana auf "Ocean Pearls". Das Cover sagt schon alles: Ein lauer Sommerabend unter Palmen und neben dem weiten Ozean. Relaxt auf der Hängematte mit einem Cocktail in der Hand, aber noch immer mit pathetischem Beiklang in der Stimme und mit einem sehnsüchtig in die Ferne blickenden Auge.

Früher trugen sie verfärbte Unterhemden und zeigten unrasierte Muskeln, heute tragen sie feinen Zwirn und wachsen live sogar vom Trio zum Oktett. Früher regierte das Gitarrenbrett, heute ist alles differenzierter und es gibt komplexe Rhythmen neben den eingängigen Melodien. Früher waren die Texte von authentischem Selbstmitleid und melancholischen Reiseerlebnissen bestimmt, heute herrscht, zumindest in den Titeln und vordergründig eitel Sonnenschein. Wer hätte schon gedacht, dass es einmal Titel von Loonatikk geben würde, die Namen tragen wie "rise a wonderful sound", "so bright", "good times", "bring it to bloom" und "blue skies".

Früher verweigerten sie sich vollständig dem Musikbusiness und dem Kommerz. Keine richtige Internetseite, stets bei einem Kleinstlabel, keine Interviews, die letzte CD wurde gar auf 500 Exemplare limitiert. Und dazu stets Songlängen von 2 Minuten, Albumlängen von meist unter einer halben Stunde und Liveauftritte - wenn überhaupt - nur in winzigen Clubs um ihre Heimatstadt im Schwabenland. Und heute sammeln sie auf ihrer Internetseite Reviews, kündigen Konzerte an und haben ein kleines Unternehmen für die Promotion beauftragt. Und ihr neues Album dauert über 50 Minuten - bei 12 Songs, die im Schnitt doppelt so lang sind wie früher.

Es ist aber immer noch unverkennbar Loonatikk. Die kratzenden Gitarren (obgleich sie oft von Akustikgitarren ersetzt werden), das vibrierende Timbre in der Stimme irgendwo zwischen Elvis, Danzig und Keith Caputo und die melancholische, weite Stimmung. Nicht mehr ganz so viel Blues und Heavy/Schweine-Rock, dafür Eleganz und Stile wie Soul, Funk, Samba, Tango und Bossa Nova. Besonders schön ist diese charmante Kombination bereits im Opener zu hören. Muss man sich anfangs noch an die etwas holprig eingesetzte Flamencogitarre (über Marschrhythmus) gewöhnen, geht der Song einem bald darauf runter wie Öl. Alles richtig gemacht: Der Rhythmus variiert einfühlsam aber komplex zwischen verschiedenen Stilen, die Gitarre akzentuiert wunderbar den Gesang, durch das Akkordeon scheint leichte Tango-Melancholie durch und der Refrain hat mit geschicktem Background-"Bababa" das gewisse Etwas. So ganz wird das Niveau von "come a new day" nicht mehr erreicht, aber Loonatikk tun ihr bestes. Nicht selten holt einen die Vergangenheit doch ein, wenn zum Beispiel "so bright" mit seinem federnden Rhyhtmus (angenehm) an "yesterday let go" vom Vorgänger erinnert. Und auch das abschließende "when you turn" oder "blue skies" hätten in kürzerer, härterer Version ohne Klavier und Akkordeon auf eines der älteren Alben gepasst.

Und dann gibt es auch noch, zum ersten Mal bei Loonatikk, zwei Coverversionen. "Cry me a river", im Original von Arthur Hamilton ist eine nette, durch harte Gitarren geerdete Croonerballade mit massivem Klaviereinsatz und "Copacabana", der Rausschmeißer aus der Karibik ist irgendwie so hingebogen, dass er cool klingt (nicht ganz ohne fahlen Nebengeschmack aber).
Überzeugender sind aber dennoch die Eigenkompositionen. "Diamond Light" ist Tango auf hart getrimmt, "bring it to bloom" glänzt mit seelenvollem weiblichen Gesang und "blue skies" atmet Boogie und Swing und nebenher noch etwas Tangofeeling. "Something of you" ist dann ein schwarzer, aber relaxter Blues, der an gute Danzig-Werke erinnert. Sie können (fast) alles. Da stört es gar nicht so sehr, dass zwischendurch auch schonmal hektische Passagen oder ein paar merkwürdige, käsig/billige Keyboardsounds stören.

Der ganz große Wurf ist Loonatikk damit schon wieder nicht gelungen (obwohl einige Songs, wie schon bei den Vorgängern, wie fast für die Ewigkeit geschrieben wurden). Aber sie haben sich geschickt aus der Sackgasse manövriert, in die sie mit den letzten Alben zu fahren drohten. "Ocean Pearls" hat den unschätzbaren Wert, eigenständig zu sein. Keine schlechte Ausgangslage - aber trotz allem Schein: kommerziell sind sie damit (zum Glück) noch nicht geworden.


Ähnlich:
Danzig, Elvis, Life of Agony, Keith Caputo

13.02.2006
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!