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koenjihyakkei - angherr shisspa


Erscheinungsjahr: 2005
Label: skin graft
Tracks: 8
Spielzeit: 50:08
Genre: avantgarde
Subgenre: avantgarde opera zeuhl
koenjihyakkei_angherr_shisspa.jpg
Bewertung: 7/10

rating

Wird man unvorbereitet in diesen wilden Musikstrudel geworfen, kann es zu Schwindelerscheinungen kommen.
Und dabei fängt alles so harmlos an. Die erste dreiviertelminute vom Opener "Tziidall Raszhisst" ist mystisch verquaster Düsterkitsch mit Keyboards und choralem Frauengesang. Dann aber wird über einen netten lockeren Jazzpart mit bereits jetzt Unheil verkündenden Opernsopranschreien in den Kern von Koenjihyakkei eingeleitet. Und das ist eine wahrhaft und total überdrehte, freejazzige und opernhafte Form vom europäischen Zeuhl, diesem Auswuchs des 70s Progrock mit eigener Sprache und fast sektenähnlicher Szene, gegründet von verrückten Franzosen namens Magma.
Yoshida Tatsuya, Kopf der Band (und auch in vielen anderen Bands wie Ruins vertreten) lebt seine ganze Virtuosität als Drummer und Komponist aus, der Takt wechselt sekündlich und überhaupt ist die komplette Rhythmussektion eine einzige Maulsperre; darüberhinaus geben die Keyboards wild wogende Klaviermelodien von sich, ein paar Blasinstrumente dudeln in der Gegend herum und Sopranistin Yamamoto Kyoko springt in Fantasiesprache zwischen den Oktaven hin und her, als wären es Gummiblöcke - schade, dass sie (für mich der größte Schwachpunkt des Albums) zu oft Sklave der von anderen Instrumenten gespielten Melodien ist und diese einfach parallel darüberträllert.
Durch den Gesang bekommt das ganze Album einen starken Opern-Charakter, was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass die CD auf den beiden großen Säulen Zeuhl und (Free) Jazz ruht. Letzterer äußert sich besonders schön in den Blasinstrumentensoli vom ganz besonders lebhaften "Grahbem Jorgazz".

Zum Ausruhen gibt es wenige Oasen der Stille und nachvollziehbaren Melodie auf "Angherr Shisspa". Das Klavier/Gesang-Intro von "Fettim Paillu" (das sich danach zu einem der abwechslungsreichsten und besten Songs des Albums entwickelt) gehört dazu und in den fast acht Minuten des Songs gibt es immer mal wieder ruhige Passagen die zum Verweilen einladen - etwas, was so manch anderem Song gut getan hätte. Bei andauerndem Tempo 180 geht schließlich der Motor schnell kaputt.

Das folgende "Quivem Vrastorr" kann hingegen als japanisch-abgedrehte Antwort auf mittelalterliche Musik a lá Carl Orff angesehen werden und mit "Mibingvahre", das sich anhört, als wäre es außerhalb des Studios in einem alten, verrückten Bergdorf aufgenommen, durchbricht man die dauerkomplexe Homogenität des Albums mit einem wirklich freien, jazzigen Stück mit kindlich-naiven Tendenzen. Wirkt etwas deplatziert und würde sich besser am Ende der CD machen.
Da stehen aber, neben "Rattims Friezz" und "Fettim Paillu" die nächsten Glanzlichter der CD: Der Titeltrack "Anger Shisspa" treibt die angespannte Atmosphäre auf die Spitze indem Teile des Songs wie verkrampfte Muskeln klingen und die verschachteltesten Gesangsarrangements (die vier Männer der Band singen schließlich auch noch) auf das komplexeste mit den Rhythmen und Melodien der Instrumente verwoben sind. Knappe zwei Minuten Verschnaufpause gibt es obendrein noch, so dass der Song, genau wie "Fettim Pallu" alles beinhaltet, was die Band ausmacht. "Wammilica Iffirom" markiert zu guter Letzt einen fantasievollen, aber typischen Schlusspunkt, der im Keyboardbereich neue (und was für welche) Akzente setzt und einen wirklich wundervollen SlowMo-Marsch in der zweiten Hälfte bietet.

"Angherr Shisspa" übersteht man die ersten Male nur schweißgebadet und man fühlt sich danach geradezu körperlich erschöpft, aber glücklich. Einmalig ist diese Musik ohne Zweifel. Instrumental oder mit anderem Gesang wäre sie vielleicht einfacher zu konsumieren und weite Teile gefielen mir wesentlich besser, aber dann fiele auch ein guter Teil der Faszination von Koenjihyakkei weg.


Ähnlich:
Ruins, Magma, Zao

13.02.2006
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!