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koby israelite - mood swings


Erscheinungsjahr: 2005
Label: tzadik
Tracks: 12
Spielzeit: 53:06
Genre: world
Subgenre: klezmer crossover jazz
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Bewertung: 7/10

rating

"Mood Swings" sollte ein Referenztitel für sämtliche Musik jüdischer Herkunft werden. In wohl keiner Musik wird man in ein derartiges Wechselbad aus Gefühlen geworfen. Überschwengliche Freude steht neben tiefster Trauer steht neben unbändigem Zorn steht neben gelassener Heiterkeit. Gut, dass es mit dem Tzadik-Label John Zorns eine passende Plattform auch für die seltsameren Auswüchse dieser Musik gibt.

Koby Israelite, der Multiinstrumentalist und neuerdings auch Komponist verschiedenster Musikstile, versteht es jedenfalls prächtig, diese Vielfalt der Gefühle auch auf seinem neuesten Album auszudrücken. Schon auf dem Cover wird die emotionale Ambivalenz zur Schau gestellt. Die clownesk bemalte Frau blickt betrübt zu Boden, das Akkordeon unscharf dahinter unter einer grinsenden Plastik-Clownsmaske.
Mit einem Augenzwinkern versehene Titel wie "Return of the Idiots", "Ethnometalogy" und "Goodbye Unit 26" stehen neben dem zynischen Spruch Einsteins "I know not with what weapons World War III will be fought, but WW IV will be fought with sticks and stones." Koby Israelite war drei Jahre in der israelischen Armee, er darf sowas wohl.

In seiner Musik vermählt er nicht nur Trauer mit Freude, sondern auch Ost mit West, Klezmer mit orientalischen Einflüssen, Jazz mit Metal. Letzteres ist allerdings mit Vorsicht zu genießen: Bei Tzadik wird zwar mit Vergleichen zu Naked City und Mr. Bungle geworben, deren Punk- und Metaleinflüsse kommen aber auf "Mood Swings" nur selten zum Vorschein. Wie der Name offensichtlich macht in "Ethnometalogy", in dem stellenweise dumpfe Riffs über einem Mix aus Free Jazz, Klezmer und Arabesken gespielt werden. Klingt etwas zu polternd und eigentlich unnötig. Außerdem hört man kreischende Gitarren, die dem Noiserock entlehnt scheinen in dem beschwingt umherwirbelnden "12 Bar (Mitzvah) Blues". Und zu guter Letzt gibt es einen sekundenlangen Death Metal Ausbruch in "Psychosemitic". Was aber das ganze Album durchzieht ist ein sehr energetisches musikanarchistisches Unterbett. Das Schlagzeug trommelt quirlig vor sich hin und steuert der Musik zusammen mit dem Bass einen ordentlichen Drive bei, auch die Bläser zeigen sich druckvoll wenn nötig.

Zeigt der Opener "Dror Ikra" noch eine ausgeprägte Affinität zu orientalischen Melodien (mit Gitarren, die verblüffend an Becks "Loser" erinnern), macht das anschließende "Return of the Idiots" ordentlich Druck über Gypsie/Zirkusmusik, die auf Klezmerjazz trifft. Feurig, aber etwas zu sehr auf die Tube gedrückt. Eher ein Treppenwitz, nicht zuletzt, weil die Tuba an deutsche Blasmusik erinnert. Mit dem langen "It is not a war here" wird es deutlich ruhiger und auch wirkungsvoller. Zahlreiche Melodien, gespielt von Instrumenten wie Akkordeon, Klarinete und Violine treffen aufeinander, geben sich die Klinke in die Hand und spielen ihre Waisen leicht verändert weiter. Ein ständiger Fluss von Geben und Nehmen über einem komplexen und abwechslungsreichen, aber durchaus nachvollziehbaren Rhythmusfundament. Tempowechsel und Themenwechsel sind keine Seltenheit, dienen aber stets dem Songverlauf, dessen Verfolgung Spaß macht, aber nachdenklich stimmt. Denn der Grundtenor ist ein Trauriger.

"Europa?" wiederum spielt mit einer vordergründigen Lässigkeit, die an französisches Laissez fair erinnert, "Hiriya on my mind" im Gegensatz dazu mit einer hektischen Basaratmosphäre.
Das beste Stück des Albums bleibt jedoch das sechsminütige "For Emily", das nicht nur den ruhigsten, sondern auch den intimsten Song des Albums darstellt. Es ist nicht nur wie alle Stücke ausgezeichnet durchkomponiert, es nimmt sich auch mehr Zeit, eine dramaturgische Spannung aufzubauen und diese erst gegen Schluss mit einem bewegend emotionalen Tutti zu beenden. Im direkten Vergleich der beiden langen Stücke mit den Songs der CD, die unter sechs Minuten bleiben, hat man den Eindruck, Koby Israelite ginge zu oft zu hektisch vor, was den Songs zwar eine (nicht nur) oberflächliche Lebendigkeit einhaucht, ihnen aber den Sinn für einen effektvollen und langsamen Aufbau nimmt. Das mag Aussage beinhalten (die vertonte moderne, hektische Welt mit all ihren Ausbrüchen und Auswüchsen), aber eine steigernde Langzeitwirkung fehlt so manchem Track. Das Tin Hat Trio (oder deren Rob Burger) bekommt Ähnliches überzeugender hin, weil sie viel weniger mit dem Holzhammer operieren, sondern den Stilen auch Zeit zum Entfalten lassen.
Das bleibt aber auch die einzige Kritik an diesem ansonsten wundervollen, Grenzen einreißenden und Kulturen verbindenden Album, das aufgeschlossene Freunde von quirligem, wie außergewöhnlichem (Klezmer) Jazz anziehen sollte wie nichts Vergleichbares.


Ähnlich:
Tin Hat Trio, Rob Burger, John Zorn (Masada, Naked City), Aksak, Zakarya, Tim Sparks, Klezmatics, New Klezmer Trio, Naftule's Dream, Mr. Bungle

03.08.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!