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inner exit - thoughts


Erscheinungsjahr: 2004
Label: cdQuadrat
Tracks: 9
Spielzeit: 53:48
Genre: beats/elektro
Subgenre: neoklassik/elektro
InnerExit.jpg
Bewertung: 7/10

rating

Schreck lass nach! Während der ersten 35 Sekunden von "Thoughts" dachte ich tatsächlich, ich hätte ein Album einer drittklassigen Ambient Trip Hop Gruppe im CD-Spieler. Nach dieser Zeitspanne erlösen die klassischen Streicher zwar nicht von den einfältigen Beats, ergänzen die Musik aber um eine entscheidende Klangfarbe, genauso wie der nach einiger Zeit einsetzende, ätherische Frauengesang. Der müde und konstant vor sich hinpluckernde Drumcomputer kommt die ganzen siebeneinhalb Minuten, die der Opener "Beyond the sun" dauert, nicht aus dem Quark, aber die Violinenklänge, die Samples und die hohe Stimme, die langgezogene, klagende Gesangslinien von sich gibt, steuern so gut und atmosphärisch es eben geht dagegen an. Klingt ab und an tatsächlich nach einem Kampf, denn so richtig passt diese Kombination hier nicht - hört man aber über die elektronischen Elemente hinweg, entfaltet sich durchaus ein gewisser Reiz.

Zum Glück wird im Laufe des Albums die Qualität in jeder Hinsicht gesteigert und die Ausflüge in Elektrogefilde stören nur noch auf "Wild Ocean" etwas.
"Fall" ist mit seinen Knispelsamples eine interessante, ruhige Klangcollage, die ohne Frauengesang und Glockenbimmel-Keyboardsounds auch auf einem Einstürzende Neubauten-Album eine Daseinsberechtigung hätte, auf "It's all in me" und "Love Song" treffen ältere Dead Can Dance auf düsteren Trip Pop und "near the pit" und "flowers" erinnern an die klassisch-elektronischen Klangeskapaden von Ragga mit ihrem Jack Magic Orchestra.

Langweilig wird es trotz der Liebe zu ausgedehnten Kompositionen und langgezogenen Klängen selten. Inner Exit verstehen es hervorragend, die Spannung mit einem neuen Sound, einer neuen Melodie oder einem Stimmungswechsel neu aufzubauen. Da folgt elegischen Streicherintros ein energiegeladener Rhythmusteil, elektronische Spielereien werden von cleanen Gitarren und Percussion aufgelockert, die Gesangslinien schlagen kurz bevor sie langweilig werden in eine andere Richtung aus. So wird jede Entspannungs- oder gar Esoterikstimmung schon im Keim erstickt, was man auf den ersten Blick gar nicht denken würde.

Im Prinzip beschreibt der Bandname zusammen mit dem Albumtitel die Musik perfekt: Introvertierte, aber aufregende Musikwelten, die einen Drang zum Eskapismus entstehen lassen und zum stillen Nachdenken anregen. Oft bilden die elektronisch und analog produzierten Rhythmen ein Fundament, auf denen sich die Violinenklänge Katharina Frassines und die fragilen, selten extrovertierten Gesänge Vesna Marinovic austoben und melancholische Melodien hinterlassen. Die besten düsteren Klassikteile erinnern dabei an die depressiven Komponisten Russlands während der vorletzten Jahrhundertwende und immer wieder denkt man auch an die von Lisa Gerrard beherrschten, älteren Stücke von Dead Can Dance, deren Klasse aber naturgemäß nicht erreicht wird.

Gegen Ende des Albums, in "Lullaby" und "Imprisoned" öffnet sich der Gesang Marinovics erstaunlicherweise mehr einem expressiven Ausdruck, der ein klein wenig an Björk erinnert und frischen Wind in das auf Dauer in seiner Düsternis und Melancholie doch etwas erschlagende Album bringt. Genauso wie die lieblichen, fast kitschigen Klänge, die den hochdramatischen Stakkatostreichern in "Imprisoned" folgen und dem Song und dem Album ein Happy End verpassen.

Alles in allem eine durchaus lohnende Reise in die Welt Inner Exits und in die eigene Gedankenwelt. Nicht selten driftet man beim Hören von "thoughts" ab, aber nicht ohne danach wieder von einer guten Idee in die Klangwelten der Band zurückgeholt zu werden. Kompromisslos, einfallsreich, atmosphärisch und gut interpretiert sind zumindest die organischeren Teile der Musik von Inner Exit jetzt schon. Bringt die Gruppe in Zukunft die auf diesem Album teilweise billig klingenden und störenden elektronischen Elemente besser in ihren Sound ein, kann man getrost noch bedingungsloser folgen.


www.innerexit.com


Ähnlich:
Dead Can Dance, Impressions of Winter, Björk, Under Byen, Ragga and the jack Magic Orchestra, The Third and the Mortal, Mila Mar, Hagalaz' Runedance

15.04.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!