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franco saint de bakker - live at the ancienne belgique


Erscheinungsjahr: 2005
Label: heaven hotel
Tracks: 11
Spielzeit: 56:37
Genre: jazz
Subgenre: crossover jazz
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Bewertung: 8/10

rating

Faszinierend, was sich ständig neues aus der Antwerpener Musikszene entwickelt. Franco De Saint Bakker entstand Ende der Neunziger als spaßiges Projekt mit diversen Musikern aus der Antwerpener Indie- und Jazzszene. Elko Blijweert (ex-Kiss my Jazz, Dead Man Ray) war Initiator, weil er noch ein paar Mitmusiker für seine eigenen Aufnahmen brauchte. Unter anderem waren und sind Joris Caluwaerts, Sigrid Van Rosendaal und Karel De Backer mit von der Partie, die alle auch desöfteren bei Bands wie Zita Swoon und Dead Man Ray mit im Boot sitzen. Offensichtlich machten die gemeinsamen Sessions allen Beteiligten derartigen Spaß, dass weitere Konzerte die Folge waren - und schließlich dieser Mitschnitt von fünf Auftritten im Sommer 2004. Übrigens der zweite nach dem selbstbetitelten Release im Frühjahr 2004.

Franco De Saint Bakker unternehmen eine Reise in alle Gebiete des Jazz und darüber hinaus. Sie scheuen sich nicht, Sun Ra nach Queens of the Stone Age zu covern. Sie spielen nicht für Puristen, sie spielen aus Spaß an der Musik - und das kommt auch dem Zuhörer zu Gute. Selten hört man derart direkte Jazzaufnahmen - und schon gar nicht solch vielfältige. Nach dem zigfach gecoverten, swingenden Sonntag Morgen-Jazz "Bernie's Tune" (Bernie Miller), bei dem der Frühstückstisch gleich bunter erscheint, wird mit "Tang" der Geist des guten alten Duke Ellington mit einer spannenden Kriminalfilmatmosphäre beschworen. In "Powerhouse" wird man zum ersten Mal leibhaftig Zeuge der abgedrehten Seite der Band. Nicht nur, dass man sich am Oeuvre des ingeniösen Raymond Scotts vergreift (man beachte die Breaks!), Tim Van Der Poel gackert im Hintergrund immer mal wieder aufgedreht durch die Gegend, wodurch die auch so schon schrägen Parts sich gefährlich nah gen Abgrund neigen. Bevor man jedoch mitgerissen wird, gleitet das Stück wieder in harmonischere Standards, auf deren Welle sich wesentlich leichter mitschwimmen lässt.

Doch wie oben schon angedeutet: Franco De Saint Bakker vergreifen sich nicht nur an mehr oder weniger bekannte Jazzklassikern aus den 40ern bis 60ern, auch die Neuzeit muss dran glauben. "No one knows" (!) von den Queens of the stone age wird zünftig durch den Weirdo-Jazzwolf gedreht, dass die Soße nur so spritzt. Zusätzlich zur Jazzbesetzung erscheint nur Wolf Erikkson mit Akustikgitarre - der Verve des Originals geht aber nicht verloren, durch die Blasinstrumente wird sogar noch was drauf gesetzt. Dazu gurgelt (!) sich Tim Van Der Poel unverständlich, aber unglaublich charmant durch den Originaltext. Unvergleichlich und muss man gehört haben. Ansonsten ist die jüngere Musikzeit mit den drei auf "Live at the ancienne belgique" aufgenommenen Eigenkompositionen der Band abgeschlossen. Elko Blijweert komponierte mit dem von Ornette Coleman beeinflusste "Solar Lottery", das impulsivste und packendste, aber auch aufdringlichste Stück davon. Besser, weil mit kleineren Gesten auftretend, ist das von Joris Caluwaerts geschriebene "Triple x-rated under siege of the v", das im Verlaufe seiner sechst Minuten ausgehend von ruhigem Bar-Pianojazz seine Fühler auch ein wenig Richtung Avantgarde und Artrock ausstreckt. Macht Spaß dem holprigen, aber angenehmen Songverlauf zu folgen und sich in den Pianoarrangements zu verlieren. Den letzten Song im Bunde der Eigenkompositionen stellt Tim van der Poel mit "Fiat Lux" (das ebensogut ein Cover seiner Hauptband Autistik Youth sein könnte). Mit der Vermutung, dass nach seiner merkwürdigen Vokalakrobatik in manch vorhergehendem Songs auch hier eher Abgedrehtes zu hören sein dürfte, liegt man nicht falsch. "Fiat Lux" lässt Brötzmann-Soundalike Gitarreneffekte eröffnen, Klavierakkorde klimpern, Saxophone durch die Gegend tröten, Schlagzeug durch die Gegend stolpern und elektronische Effekte britzeln. Hm.

Da macht der Rest doch mehr Sinn, auch wenn ein Sun Ra Cover (ohne Zweifel brilliant gelöst: Das federnde, mit einer einminütigen Freejazzeruption versehene "Angels and demons at play" wird von elektronischen Geräuschen unterstützt) vor "Breakfast Feud" von Benny Goodman etwas merkwürdig platziert wirkt. Zum guten Ende wird mit "Fléche d'or" (Django Reinhardt) noch kurz in die europäische Jazzgeschichte eingetaucht und auf "Air Raid" liest Rudy Trouvé kaum verständlich aus einer 60er Jahre Trash-Novelle über dem dreizehnminütigen FreeJazz-Monster, im Original von Grachan Moncur III. Sicher der Höhepunkt auf dieser an Höhepunkten sicher nicht armen Live-CD.


Ähnlich:
Kiss My Jazz, Sun Ra, Ornette Coleman, Lionell Horowitz

03.06.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!