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deus - pocket revolution


Erscheinungsjahr: 2005
Label: v2
Tracks: 12
Spielzeit: 61:07
Genre: alternative
Subgenre: indierock
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Bewertung: 8/10

rating

Am Anfang steht "bad timing". Und in der Tat sind dEUS mit "Pocket Revolution" keine Pünktlichkeitsfanatiker, zwischenzeitlich war es sogar fraglich, ob das Album überhaupt jemals das Licht der Welt erblicken würde. Dabei sind die Neunziger für die Antwerpener Indiepopper durchaus positiv zu Ende gegangen: "The ideal crash" war ein Durchbruch auf breiter Linie (obwohl einige offensichtlich mehr erwarteten) und wurde sowohl von den Fans, als auch von den Kritikern über alle Maßen geliebt - nur einige kritische Stimmen vermissten den schrägen Part, der nach Weggang von Stef Kamil Carlens gleich mit die Band verließ. Die Tourneen im In- und Ausland wurden gut besucht und das Bandgefüge stand mit Tom Barman als klarem Kopf und Craig Ward als zweiter Songschreiber der Band auf festen Füßen.

Danach wurde dEUS zwischenzeitlich auf Eis gelegt. Danny Mommens widmete sich seinem Dance-Projekt Vive la fete (bei denen live auch [ex-]dEUS-Drummer Jules De Borgher aushalf), Live-Gitarrist Tim VanHamel gründete seine eigene Band Millionaire und Tom Barman ging zusammen mit Pianist Guy van Nueten auf Tour, um seine ruhige Singer/Songwriter-Seele nach außen zu kehren, gründete mit Techno-Pionier CJ Bolland Magnus, um Tanzmusik zu produzieren und drehte nebenbei auch noch seinen ersten Film "any way the wind blows".
Das einzige Lebenszeichen von dEUS war eine Videoraritätensammlung auf DVD und die dazugehörige Singlekollektion "no more loud music", auf der das wunderbare, neu aufgenommene "nothing really ends" den Schlusspunkt bildete. Das allerdings war in der Tat eine Prophezeiung, die in 2004 auf eine harte Probe gestellt werden sollte. Nach einer kleinen Festivaltournee schmissen Craig Ward und Danny Mommens das Handtuch, nachdem ein Jahr zuvor schon Jules De Borgher keinen Bock mehr hatte. Für letzteren sprang ex-Soulwax Drummer Stéphane Misseghers ein, der relativ unbekannte Bassist Alan Gevaert kam für Danny Mommens und Craig Ward wurde durch niemand geringeren als Antwerpen-Legende Mauro Pawlowski ersetzt, der neben Mitglied in tausend anderen Bands auch der Kopf der Evil Superstars (u.a. mit Tim VanHamel) war.
Erst nachdem das komplizierte Besatzungsknäuel ordentlich entdröselt war, konnten die Songs für das neue Album - über die Hälfte war davor schon fast komplett im Kasten - neu eingespielt und aufgenommen werden.

Ein wenig spürt man von der zerrissenen neueren Bandhistorie auch auf "Pocket Revolution". Der homogene Sound kann nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass der Aufnahmeprozess über fast zwei Jahre ging und viele Köche im gleichen Brei rührten: Die CD ist deutlich diverser ausgefallen als "the ideal crash", aber auch nicht so gegensätzlich wie die beiden Frühwerke, die hauptsächlich daraus ihren Charme zogen.
Ruhige und zauberhaft melodische Stücke wie das auf Anhieb zündende "Include me out" und das soulige "The Real Sugar" stehen neben den geradeaus rockenden Stücken "Cold sun of circumstance" und der Vorabsingle "If you don't get what you want", bei deren Gitarrenriffs man auch die Evil Superstars-Vergangenheit von Mauro heraushören kann.
Auch Tom Barmans jüngere Vergangenheit auf dEUS-Abwegen bleibt auf "Pocket Revolution" nicht ungehört. Die sehr gewöhnungsbedürftigen "Stop-Start Nature" und "What we talk about (when we talk about love)", bekommen Groove und Samples von CJ Bolland zugesteuert - und bleiben neben den übrigen Stücken auch nach intensivem Hören wie Fremdkörper außen vor. So ganz verträgt sich der elektronische Groove doch nicht mit dem typischen dEUS-Klang und Barmans rythymischer Sprechgesang machte sich auch besser zu den passgenauer darauf abgestimmten Magnus-Klängen.

Neben den einschmeichelnd schönen Balladen gibt es auch noch andere dEUS-Klänge, die vertraut sind und bei denen man sich sofort heimisch fühlt. Das eingangs erwähnte "Bad Timing" ist ein ähnlich elegischer, sich langsam steigernder, hypnotischer Song wie weiland "Hotellounge" oder "Roses". Durch ständiges Hinzufügen weiterer Klangschichten wird aus dem anfangs bedächtig Musizieren ein mächtiges, mitreißendes Crescendo. Darauf dürfen sie ruhig sieben Minuten der Spielzeit verwenden.
Ebenfalls vorhanden sind diese eigentlich ganz simplen Pop-Perlen, die bei den ersten Hördurchläufen nicht so recht zünden wollen, dafür aber später umso intensiveren Eingang finden. "7 days, 7 weeks", die zweite Singleauskopplung ist so ein Fall, genau wie der Titeltrack, bei dem mit Stef Kamil Carlens gar ein alter Bekannter den Gospelchor im Refrain zu Höchstleistungen antreibt.
Und dann gibt es da noch "Sun Ra". Von vielen Kritikern besonders geliebt - aber warum eigentlich? Sicher drückt es die Atmosphäre von gequälten, langen, schlaflosen Stunden in der Nacht durch diese unbequeme Laut-Leise Dynamik und die schrägen Rockparts besser aus, als ähnlich gelagerte Songs von anderen Bands. Aber die wirkliche Magie verbreitet hier Klaas Janzoons Violine, die auf den anderen Songs (ausgenommen "The real sugar") zugunsten von flächigeren Streichern etwas in den Hintergrund gerät. Mit ihrem unsicheren, aber energischen Auf und Ab erinnert sie gar an die expressionistische Frühphase von dEUS, und die voluminösere Produktion des Songs ist das einzige, was ihn von der Verwechselungsgefahr ausschließt.

Am Ende steht dann, wieder einmal und in einer höchstens minimal veränderten Version, "Nothing really ends". Auf dass es eine Prophezeiung bleibe.


Ähnlich:
Mintzkov Luna, Venus, Ghinzu, Absynthe Minded, Mauro, Evil Superstars, Zita Swoon, Dead Man Ray, Millionaire, Soulwax, Sioen, Coparck, The Cooper Temple Clause, Girls In Hawaii, Broken Social Scene, Tom Barman, Magnus, Pavement

04.11.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!