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civil defiance - circus of fear


Erscheinungsjahr: 1999
Label: nuclear blast
Tracks: 12
Spielzeit: 51:54
Genre: alternative
Subgenre: alternative progrock
civildefiance.jpg
Bewertung: 9/10

rating

So, jetzt mal wieder ein Review der Marke "Ich-lob-den-Künstler-jetzt-bis-zum- geht-nicht-mehr-damit- er-vielleicht-ein-paar-Platten-mehr-verkauft". Objekt diesmal: Civil Defiance. Wiedermal eine gnadenlos unterbewertete Band aus den Staaten. Band ist natürlich zu viel gesagt, denn eigentlich gibt es nur eine treibende Kraft hinter Civil Defiance. Der Mann heißt Gerry Nestler. Wie so oft bei Genies und ein völlig unscheinbarer, zerbrechlich wirkender Mensch. Zuständig für die Gitarre, Gesang, Keyboards und die Musik. Die Mitstreiter ? Die haben in der Bandgeschichte schon sehr oft gewechselt. Die zweite treibende Kraft hinter Civil Defiance ist ein anderer Mann namens Brad Hornbacher, für die Texte zuständig. Eigentlich kein besonders großer Anteil an einer Band, doch bei Civil Defiance enstehen die Texte vor der Musik. Sozusagen versucht Nestler die Texte die Hornbacher abliefert zu vertonen. Sehr interessante Arbeitsweise. Die Geschichte von Civil Defiance beginnt 1989 in Los Angeles. Nestler will etwas neues schaffen und gründet hierfür die Band. 1991 ist es dann soweit, die erste Mini-CD "Abstract Reaction" wird veröffentlicht und sorgt hier und da für richtigen Wirbel. Waren Civil Defiance damals doch schon kräftig ihrer Zeit voraus. Doch genau das war wohl auch das Problem von Civil Defiance: Keine Plattenfirma wollte sie haben. Gerade in L.A., der Hochburg der Plattenfirmen. Die Mitstreiter von Nestler kamen und gingen, da sie es leid waren zu kämpfen und die Band am Leben zu erhalten. Irgendwann lag ein Angebot von dem Major Atlantic vor. Dieses wurde aber leider zurückgezogen. Die Melvins bekamen stattdessen einen Deal, aufgrund einer Empfehlung eines gewissen Menschens namens Kurt Cobain... Einige kennen ihn vielleicht. Na ja, die Melvins konnten ihre Freundschaft zu Kurt ausspielen, bekamen ihren Deal und Civil Defiance standen mal wieder kurz vorm Ende ihrer Karriere. Endlich bekam Nestler eine halbwegs stabile Mannschaft auf die Reihe und nahm in Eigenproduktion das Debüt-Album "The Fishers For Souls" auf. Nachdem sich wieder kein Label für die Platte interessierte (was an Majestätsbeleidigung grenzt), musste Nestler einige Opfer bringen, um den Endmix der Platte zahlen zu können: Sein Auto musste dran glauben...

1996 konnte die Platte dann endlich per Eigenvertrieb verkauft werden. Auf die musikalische Seite des Albums gehe ich später genauer ein. 1997 erbarmte sich dann endlich ein Label, die Platte auch in Deutschland zu veröffentlichen. Allerdings entwickelte sich das Album aus unerklärlichen Gründen zum absoluten Ladenhüter.
Dream Circle (so der Name des Labels) lies die Band schnell wieder fallen und Civil Defiance standen mal wieder kurz vor dem aus.
Stille. Bis die Band 1998 wieder beim "Unerhört"-Wettbewerb vom Rock Hard-Magazin auftauchte. Schließlich wurden GSM/Nuclear Blast auf die Band aufmerksam und nahmen die Band unter Vertrag. Eigentlich keine Überraschung, da es sich bei GSM um das Label von Andy Siry handelt, der die "Abstract Reaction"-Mini CD seinerzeit vertrieb. 1999 wurde dann das zweite Album "Circus Of Fear" veröffentlicht. Das Album bestand aus 3 Songs die ursprünglich schon auf "The Fishers For Souls" hätten stehen sollen, aber aus Geldmangel nicht aufgenommen werden konnten, den 4 Songs der "Abstract Reaction"-CD, 4 halbwegs neuen Songs, die 1997 geschrieben wurden und dem Schlusstrack von "The Fishers For Souls" "Man In The Moon". Das Album floppte natürlich genauso, wie das erste und seitdem hat man nichts mehr von Gerry Nestler gehört. Offiziell wurden Civil Defiance nie aufgelöst, aber ich glaube so langsam war es Gerry leid zum kämpfen. Nebenbei muss er sich ja auch um seine Familie (inklusive 2 Kinder) kümmern und mit Civil Defiance konnte er auf keinen Fall reich werden, sprich ein Job muss auch vorhanden sein. Schade... Wohl mal wieder das Ende einer kongenialen Band, die es leider nicht geschafft hat. R.I.P., falls man denn nichts mehr von ihnen hören sollte...

Doch widmen wir uns lieber den Lebzeiten der Band zu. Das erste Album war eine geniale, wenn auch mit 37 Minuten sehr kurze Achterbahnfahrt. Die 8 Songs klangen alle sehr unterschiedlich, jazzig angehauchte Stücke wie "A Dry White Season" oder "Death To The Clown" trafen auf eine wunderschöne Halbballade wie "Faith" oder den sich zur Raserei steigernde Thrasher "Dreams Die Fast", zwischendrin "Man On Fire", dass wie Watchtower auf dem Grindcore-Trip klang. Am Ende des ganzen die alles überragende, wirklich zu Tränen rührende Ballade "Man In The Moon". Für mich ist die CD eindeutig das Album des Jahres 1997 gewesen. 2 Jahre später dann endlich der Nachfolger, auch noch mit den Songs der nicht mehr erhältlichen Mini-CD. Super ! Daheim schnell die CD ausgepackt, eingelegt und BOAH! Statt sich um ihren Ruf als geniale und künstlerische Band zu scheren, legen die Amis einfach mit dem unkomplizierten und sauharten Thrash-Brecher "Circus Of Fear" los.
Woom, gleich ein Tritt in den Arsch zu Beginn. Der Song klingt aber trotzdem 100% nach Civil Defiance. Die etwas zerbrechliche Stimme von Nestler, der sich aber auch ordentlich die Seele aus dem Leib kotzt, setzt dem ganzen die Krone auf. Killer.
Gespannt, was der zweite Song mit sich bringen würde saß ich vor der Anlage. Und was machen die? Sie haben auf jedenfall keineswegs darüber nachgedacht, softer zu werden. Ein weiterer Thrash-Song, der allerdings ziemlich verschachtelt und leicht Jazzig aus den Boxen tönt, rollt an. Nebenbei geziert von einem Riff, dass alle Machine Heads dieser Welt zu Schuljungen degradiert. Der zerfahrene Mittelteil und das jazz/funkige-Gitarren-Solo lassen dann erste Anzeichen der verschachtelten Genialität der Amis aufkommen.
Der dritte Song "Chain" fängt dann eher als relaxter Jazz-Rock-Song an, steigert sich aber im Laufe des Songs sogar in eine Grindattacke und fährt Geschwindigkeitstechnisch vielen Black-Metal Bands den Rang ab, um dann mit einem verqueren Solo wieder in den Jazz-Bereich einzudringen. Genial. Die Inspiration dafür hat sich Nestler wohl 1991 geholt, als er Carcass live bewundern durfte. Dieses Erlebnis lies wohl Spuren zurück, so das er jetzt auch bei Civil Defiance brutale Knüppelparts einbaut, die eigentlich gar nicht so recht zum jazzigen Thrash-Rock passen wollen. Dann kommen die 4 Songs der 1991-Mini CD: Der Titeltrack "Abstract Reaction" verarbeitet alle Civil Defiance-typischen Elemente in kompakten 6:42 Minuten. Da ein Solo, da ein Akustik-Break, da ein Blastbeat, da ein verquerer Rhythmus und dort der Killerrefrain. Das folgende "Under The Volcano" ist eine waschechte Killerballade mit wunderschönen Strophen und Refrain, nicht zu vergessen das geniale Zitter-Solo am Anfang. Klingt so richtig schön befreit... So ein richtiger Umweltsong *gg*. Textlich befasst sich Gerry Nestler (Ja, der Text ist von Nestler) mit dem Menschen Brad Hornbacher, der mit "Man In The Moon" einen Text über Nestler geschrieben hat.
Als nächstes gibt es das schräge "God, Death & Audio Tape". Mein persönlicher Favorit und neben "Man In The Moon" das beste Stück, dass Gerry Nestler je geschrieben hat. Der Song geht auch wie große Teile des Debüts ein wenig in die Richtung Jane´s Addiction/Killing Joke. Die relaxte Atmosphäre und die durchgehende Schrägheit des Songs machen ihn zum absoluten Hörerlebnis. Der Refrain setzt dem ganzen die Krone auf. "Swarm" macht keine Gefangenen. In bester Napalm Death-Manier legen die Amis los und liefern eine sackschnelle Prügelorgie, die dennoch ziemlich verschachtelt klingt und durch den cleanen Gesang eine ungewohnte Melange bietet. Ziemlich krank. Nach 5 Minuten Geprügel ist die Welt um eine Hymne reicher. Ein Stilbruch wie er krasser nicht sein könnte rollt an: Der erste "richtig" neue Song "Dixie" ist ein reiner Alternativ-Song mit leichtem Seattle-Touch (Stichwort: Grunge) mit super eingänigem Refrain und eine Riesen Prise Emotionen. Gerry´s Stimme passt einfach super zu diesem zerbrechlichem Sound. Ungewohnt aber super. Hätte sicher auch ´ne Menge kommerzielles Potential gehabt und steht Civil Defiance komischerweise unglaublich gut zu Gesicht. "Hunting" führt diesen Sound natürlich konsequent weiter, auch wenn der Song etwas mehr nach dem alten Civil Defiance-Sound klingt. Pure Emotion mit viel Melancholie und verregnetem Sound. "Little Ghosts" ist eher ein kleiner Gag, 1:38 Minuten lang: Eine schöne Geschichte eines armen Mädchens. Das folgende "Innocence Lost" ist eine dramatische Halbballade, bei der die ganze Melancholie der letzten Jahre abgebaut wird. Richtig verzweifelt. Passt überhaupt nicht zu den eher positiven Songs der Vergangenheit. Die letzten 4 Songs hätten sich bei der Heavy Rotation auf Viva II mehr als gut gemacht. Song 12, "Man In The Moon", wie auch schon 1997 die Ballade des Jahres (Wieso wurde der Song eigentlich noch mal verwurschtelt? In derselben Version ?!?). Eine unglaublich einfühlsame Piano/Gesang Ballade, die gegen Ende der 6:15 Minuten Spielzeit noch viel unglaublicher wird, wenn sich die ganze Band inklusive Streichern in Ekstase spielt und mit einem grandiosen Finale einen Schlusspunkt setzt. Wirklich zum Rotz und Wasser heulen. Eingespielt wurde die Violine übrigens von Lili Hayden, die auch schon Hootie & The Blowfish unter die Arme griff.

Eine Platte, die jeder aufgeschlossene Musik-Fan, der mit anspruchsvoller Tonkunst (ja, ich rede von Kunst) zurecht kommt, im Schrank stehen haben sollte. Die CDs, also die beiden Alben, sind leider etwas schwerer erhält geworden... fündig dürfte man bei eBay oder den Wühltischen der Nation werden. Unterstützt doch mal wieder eine Band, die es absolut verdient hat und nie ein Bein auf die Erde bekommen hat, da manche Menschen wohl einfach zu ignorant sind...


Ähnlich:
Devin Townsend, Watchtower, Faith no more, Killing Joke, Jane's Addiction, Napalm Death

13.03.2005
kervorkian


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!