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cephalic carnage - exploiting dysfunction


Erscheinungsjahr: 2001
Label: relapse
Tracks: 66
Spielzeit: 74:02
Genre: metal
Subgenre: grindcore
cephaliccarnage.jpg
Bewertung: 9.5/10

rating

Eines gleich vorweg: "Exploiting Dysfunction" ist das härteste, verrückteste und schwer verdaulichste Album, dass mir je in meiner schon recht langen Musikliebhaber-Laufbahn untergekommen ist.

Cephalic Carnage wurden 1992 in Denver/Colorado gegründet. Die Ziele dürften so ziemlich die selben wie bei jeder anderen Band gewesen sein (Weltherrschaft, Groupies...), doch die beiden Bandköpfe Lenzig (Der "Sänger", näheres später) und Zac (Gitarre) hatten noch andere Ziele: Die Zerstörung kommerzieller und traditioneller Musik durch die Erschaffung eines neuen Musik-Monsters, dass vorläufig den Arbeitstitel (oder soll ich besser sagen: Deckname !?!) "Ultra-Grindcore" erhielt. Nun, was Grindcore ist hat Stativision in seiner Resurrection "Embalmed Existence"-Meinung schon so rührend zu erklären versucht (Ja, ich werde für diese Schleichwerbung bezahlt... ziemlich gut sogar...). Deshalb nur soviel:
Grindcore ist eine Abart des Death-Metal´s die irgendwann Ende der 80iger/Anfang 90iger erschaffen wurde (manche sagen, dass Terrorizer´s "World Downfall" das erste Grind-Album war, manche datieren die Geburt des Grinds mit den Frühwerken von Cannibal Corpse). Grindcore-Alben zeichnen sich meistens durch ein bluttriefendes Cover/Texte und einer Spielzeit von 30 Min aus, in denen 40 oder mehr Songs dargeboten werden. Doch zurück zum Thema: Cephalic Carnage setzten sich also ihr musikalisches Ziel und gingen natürlich sofort ins Studio um ihr erstes Demo einzuprügeln. "Scrape My Lungs" wurde dann irgendwann 1993 veröffentlicht. Doch leider schien das Projekt "Ultra-Grindcore" irgendwie schief zu gehen und so lösten sich Cephalic Carnage wenig später auf, obwohl ihr Demo im Underground ganz gut ankam. Aus unerklärlichen Gründen reformierten sich Cephalic Carnage 1996 dann wieder, verstärkt mit 2 neuen Mitgliedern: John übernahm das Drumset und Steve sollte Zac an der zweiten Gitarre unterstützen. Bald darauf mussten die Jungs natürlich schnell den zweiten Furz von sich geben. Dieser kam dann in Form des zweiten Demo-Tapes "Fortuitous Oddity", welches dem heutigen Sound schon etwas näher kam. Zuviel will ich aber nicht verraten. Langsam konnten sich Cephalic Carnage einen Namen machen und so machten sie sich 1997 auf eine selber finanzierte Tour durch die U.S.A. auf. Augenzeugen-Berichten zufolge muss eine Show der Jungs erlebt haben, um zu glauben, was da abgeht. Wenn das mal keine gute Publicity ist...

So weit so gut, es kam wie es kommen musste: Das Italienische Label Headfucker Records wird auf die Jungs aufmerksam und signt die Band. 1998 ist das endlich soweit. Die Band veröffentlicht ihr erstes Album "Conforming To Abnormality". Den Titel hätte man nicht besser wählen können (Übersetzung frei nach Harald Schmidt: "Ich sage JA zur Abnormalität"), denn jeder einzelne Song des rund 23-Minütigen Longplayers war schlichtweg abnormal. Cephalic Carnage boten abgedrehte Ideen (Techno-Loops meats Blastbeats und Sub-Bass Attacken treffen auf Jazz-Licks) auf einem schweine hohen technischen Niveau. Ultra-Grindcore, so klang er also. Grob umschreiben konnte man den Klang der CD so: Dying Fetus auf Drogen werden aus der Irrenanstalt entlassen und nehmen ein Album auf. Im Gegensatz zu anderen Grindcore Bands, setzten Cephalic Carnage allerdings nicht auf Gore-Texte und Gore-Cover mit 3000 Toten und ebenso viel Liter Blut, sondern schrieben lieber Texte über ihre Lieblingsbeschäftigung (Kiffen) oder gleich spanische Lyrics, weil so schön klingt und ein sickes Cover, dass aber ohne jegliche Brutalität auskommt. Anstatt einer Rümpelproduktion gabs den Arschtritt schlechthin: Sauber, Präzise und Druckvoll quillt die Produktion durch die Boxen. Und anstatt in der Distanz von 23 Minuten 48 Songs darzubieten, beschränkten sich die Amis auf 8. Ultra-Grindcore halt. Wieder tourten die Jungs quer durch die USA, wurden langsam immer bekannter, bis zu dem quasi "Karriere-Knackpunkt": Auf dem Milwaukee Metalfest legen Cephalic Carnage alles derart in Schutt und Asche, dass Relapse Records (Das Strange-Music Label überhaupt!!!) auf die Band aufmerksam wird und die Band aus dem Vertrag mit Headfucker Rec. rauskauft.
Cephalic Carnage hatten nun also ein super Label im Rücken und nebenbei einen legendären Ruf als Live-Band. Nach vielen Festival-Auftritten und unzähligen Konzerten, gingen CC dann wieder ins Studio um den Nachfolger des Debüts aufzunehmen...

...der nun in Form von "Exploiting Dysfunction" vor mir auf dem Tisch liegt. Das Cover ? Noch viel sicker als der Vorgänger, passend zum Titel gibt es Bilder von Missgeburten, Missbildungen und sonstigen Obskuritäten. Das Backcover wird geziert von einer sechsfingrigen Hand. Die Farben sind in einer Art Ockerbraun gehalten. CD aufgeklappt und schon gibts die nächste Überraschung: Hackfressen-Alarm !!! Wie kann eine dermaßen brutale und präzise Band so scheiße und harmlos aussehen ?!? Ob dieses Bild Image-Förderlich ist, wage ich zu bezweifeln. Doch eigentlich kommt es ja eher auf die Musik an, oder nicht ?!?

Proberaumgeschepper. Damm Damm, Schraddel, Schraddel. Erster Gedanke: Hallo ? Produktion ? Wo bist du hin ?!? Break, Chaos, Die Erlösung: Saubere, drückende und ultrafette Produktion. Blastbeats, Schreie, Härte, Arschtritt. Name: "Hybrid". So schnell das Chaos gekommen ist, so schnell weicht es auch schon wieder psychedelischen Gitarren-Licks und jazzigen Drums, bevor das ganze in einen straighten und präzisen Death-Metal Brecher übergeht. Bevor man sich allerdings wieder komplett dem psychedelischen Gewaber hingibt, verirrt man sich gerne noch in der einen oder anderen Frickelabfahrt. Die ersten 4 Minuten 17 Sekunden sind überstanden. Ultra-Grindcore. Verstörter Blick. Was war das ?!? Ein Zug ?!? Gegenfrage: Kann ein Zug so schnell rollen ?

So also der erste Höreindruck des ersten Stückes. Was sofort auffällt sind die abnormal (Conforming To Abnormality ? Yes, absolutly !) hohen technischen Fähigkeiten. Der zweite Song "Driven To Insanity" ist eine kurze einminütige Grindattacke mit vielen Blastbeats und abgedrehten Kreischstellen der beiden Shouter Lenzig und Jawsh (der sich nebenbei noch den Bass umgeschnallt hat). So schnell das Lied gekommen ist, ist es auch schon wieder weg.

Der dritte Song "Rehab" ist dann der normale Carnage Wahnsinn pur. In 6 Minuten prügeln die 5 alles nieder, warten mit verqueren Rhythmen auf, schneiden wirre Sprachsamples in dem Song, während eine mit komischen Effekten versehene Gitarre durch die Gegend quietscht, um den Hörer in den Wahnsinn zu treiben. Am Ende verliert sich alles dann wieder in kontrolliertem, präzisem und enorm druckvollen Gebolze. Am meisten Eindruck kann dabei Drummer John schinden, der wirklich Unmenschliches abliefert: Trotz der rasendschnellen Beats schafft es der völlig unscheinbar wirkende Kerl noch allerlei Tricks und Kniffs mit den Becken zu veranstalten und verleiht der Bedeutung des Wortes "Ride-Becken" eine neue Dimension. Das ist Wahnsinn pur, gespielt von noch Wahnsinnigeren. Sic.

"Observer To The Obliteration Of Planet Earth" so der bedeutungsschwangere Titel des nächsten Songs. Textlich geht es um die völlig abgedrehte Eroberung der Erde von Aliens (!!) und dem Versuch einer Person sie zu stoppen.
Hier macht sich der überhöhte Cannabis-Konsum auch textlich, nicht nur musikalisch, bemerkbar. Musikalisch gibts hier wieder die Vollbedienung, die Amis schaffen es sogar dem Hörer weh zu tun: Nach 30 Sekunden verfallen sie in eine lockere Jam-Session mit relaxten Jazz-Licks und verrauchter Atmosphäre. Der Gegenschlag kommt so unerwartet und heftig, dass es dem Hörer bei entsprechender Lautstärke schon das Gehör wegblasen kann. Fies, schnell, dreckig, mit unmenschlichen Schreien gespickt, hinzu kommt noch der Überraschungseffekt. Der Song endet in gemäßigteren Gefilden. Wenn bei CC von gemäßigt reden kann.

Nummer 5 mit dem Titel "On Six" ist ein 6 sekündiges Interlude, das man gehört haben sollte. Der "Song" geht nahtlos in das sechste Stück über, dass auf dem Backcover allerdings nicht augeführt ist und demnach auch leider über keinen Titel verfügt. Das Stück bietet in seinen 5 Minuten auch wieder allerlei abgefahrenes, mörderische Grooves, die in reisserischem Mid-Tempo dargeboten werden. Insgesamt ein ruhigeres Stück, für CC-Verhältnisse. In der Mitte gibt´s noch ein Neurosis nicht unähnliches Break.

"Cryptosporidium" so der Titel von Nr. 7. Für viele wahrscheinlich das Meisterwerk aus dem Hause CC. Mit dem Song liefern die 5 einen straighten, dennoch verspielten Brecher in bester Dying Fetus-Tradition. Dürfte allen Normal-Death Metallern gefallen, denn außer dem obersicken Text gibt es in dem Song kaum Überraschungen oder abgefahrene Stellen. CC demonstieren lediglich, wie gut sie ihre Instrumente beherrschen. Auch hier sticht John eindeutig hervor. Genial. Schlichtweg.

"Ballad Of The Moon" macht seinen Titel alle Ehre. Dunkel, langsam und schwer rollt der Song auf den Hörer zu. Auch hier werden leichte Neurosis-Paralellen deutlich. Vorallem Gastsänger Kirk Windstein (Crowbar) erinnert hier ziemlich an Steve Van Till (Neurosis).
Nach 2 Minuten ist der Spass auch wieder vorbei. Vor dem neunten Song gibts allerdings noch ein kleines, verspieltes Jazz-Break, bevor es mit
"Of Smoke" wieder mit Gehacke weitergeht. Dass Cephalic Carnage dem Kiffen nicht abgeneigt sind, wissen wir schon. Diesmal wirkt sich die auch extrem auf die Musik aus, denn so ein verqueres Stück wie "Of Smoke" habe ich selten gehört. Hier deathnoisejazzgrinden sich die Jungs wirklich fast um den Kopf. Besonderst als Drummer John die Balance zwischen Grinds und Blastbeats perfekt findet und innerhalb von Sekunden wechselt.
Als er dann mal das Tempo rausnimmt, entfalten CC sogar eine hymnische Stelle, die nur vor Pathos strotzt. Very Strange Indeed. Eine Stimme verkündet noch ein schnell ein "Smoke!!!" und dann artet das Stück endgültig in Chaos aus...

Hier verschwimmen wirklich die Grenzen zwischen Realität und Wahnwitz.

Der zehnte Song? 10 Sekunden lang. "When You Cuddle Up To A Warm Hand On A Cold Night".

11. Invertus Indica (The Marijuana Convictions)
Der Titel sagt alles. Langsam, schleppend, doomig und doch ein wenig Industrial-lastig gehen CC hier zu Werke. Textlich wohl die einzig wahre "Legalize It !!!"-Hymne. Musikalisch verfolgt man die mehr oder weniger klare Linie mit abermals wirrem Stuff, der sich in extremst strangen Samples auswirkt.

Spanischer Titel, Spanischer Touch: "Molestandos Plantas Muertos!!!"... Der Song dürfte ungefähr klar sein. 1 Minute 10 Sekunden inklusive Sprach-Samples aus Filmen, die einem das Ekelhafte näher bringen.

Mit "Eradicate Authority" gibts dann gegen Ende nochmal einen 6 Minütigen Brecher, der sich ganz langsam aufbaut und erstaunlich zivilisiert klingt. Nach einer Minute verlieren sich die Jungs allerdings wieder im Up-Tempo. Im Endeffekt sicher einer der erträglichsten Songs für den Normal-Hörer. Vorausgesetzt man steht auf derben Death-Metal.

"Paralyzed By Fear" macht dafür keine Gefangenen. 1:38 Min. Ein Jazz-Grindbrett vor dem Herren und wohl auch ein wenig die Einstimmung auf das große Finale...

... diese rückt in Form des Titelstückes an. Unbeschreiblich. 15 (!!!) Minuten nehmen sich CC für das Lied Zeit. Ein 15-Minütiger Alptraum. Ein Ritt durch die Hölle. Ein Monster von einem Track. Was muss man sich alles einschmeißen, um so einen Bastard von kranker Musik zu erschaffen? Was zur Hölle ging in den Köpfen von Cephalic Carnage vor, als sie dieses Stück ausbrüteten ? Träge, Langsam, Schwer, Mörderisch und vor allem Intensiv gehen die Jungs ans Werk. Filmsamples bringen den Hörer der Apokalypse näher. Kann man sowas eigentlich noch in Worte fassen. Nun, Ultra-Grindcore. Verstörend, faszinierend und unglaublich krank. Unerträgliche Kälte, Härte. Ein Kunstwerk. Sub-Bass-Einlagen, Beeps/Klonks. Intensiv. Erdrückend. Wer die 15 Minuten heil überstanden hat, kann wirklich von sich behaupten, starke Nerven zu haben.

Offizielles Ende. Vorhang fällt. Doch CC haben sich natürlich den einen oder anderen sicken Hiddentrack einfallen lassen. Der erste, bei Stück 23 (von insgesamt 66). Schräg. Sehr Schräg. Hat aber durchaus seinen Reiz. Bei 66 gibts ein Anrufbeantworter-Sample. Sic. Lohnt sich gehört zu werden. Der Schluss der CD macht sie endgültig unsterblich:
Eine Stimme ertönt "YOU ARE GAY!!!!!!" gefolgt von infernalischem Lachen. Yepp. Das ist ein würdiger Abgang.

Bei "Exploiting Dysfunction" überkommt mich beim Hören öfter der (von mir so getaufte) "Crouch End"-Effekt. Was zur Hölle ist das schon wieder ? Nun, vielleicht kennen einige die Kurzgeschichte "Crouch End" von Stephen King. Ein Ehepaar verläuft sich im Stadtteil "Crouch End"/London und verirrt sich in einer Gegend, die auf keiner Karte eingezeichnet ist und anschließend auch nie mehr gefunden wird. Ähnlich wie in der Kurzgeschichte "The Music Of Erich Zann" von H.P. Lovecraft. Nun, mit dieser Platte verhält es sich so ähnlich:
Wenn man nicht direkt auf die Platte achtet und sie im Hintergrund laufen lässt, vernimmt man Stellen, die man beim gezielten Hören einfach nicht mehr findet, weil sie schlichtweg nicht da sind. Die Erfindung der ersten unheimlichen CD ? Doppelt unheimlich schonmal. Wahrscheinlich haben Cephalic Carnage dem Teufel ihre Seele verkauft, denn wie sollen sie sonst zu solch wahnwitzigen Musikern geworden sein ? Und zweitens: Wie zur Hölle kann eine Band den "Crouch End"-Effekt hinbekommen ?!? Brrr....

Cephalic Carnage sprengen mit diesem Album die Grenzen herkömmlicher Musik und lärmen in ihrem eigenen verkifften Universum. Dass ihnen dabei die irrwitzigste Platte des 20. Jahrhunderts gelungen ist, dürfte ihnen wohl so ziemlich egal sein. Smokin' Green...

13.03.2005
kervorkian


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!