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cephalic carnage - anomalies


Erscheinungsjahr: 2005
Label: relapse
Tracks: 12
Spielzeit: 45:44
Genre: metal
Subgenre: grindcore
cepahliccarnage.jpg
Bewertung: 7/10

rating

Mir schwant Böses: Ist die Drogenpolizei in das Domizil von Cephalic Carnage in Denver, Colorado eingefallen? Sind die Weed-Felder des Ami-Quintetts abgebrannt? Oder haben sich die Relapse-Zöglinge einfach entschieden, clean zu werden?
Jedenfalls führt der Titel "Anomalies" etwas in die Irre - oder das "lies" im Sprachspiel ist programmatisch. Anomal ist hier jedenfalls nicht viel. Angefangen vom stinklangweiligen und identitätslosen Artwork, das auch auf jede Century Media- oder Nuclear Blast-Veröffentlichung gepasst hätte, über den Sound, der zwar klar, fett und vieldimensional geraten ist, aber jede persönliche Note vermissen lässt, bis hin zu den Songs, die nicht selten auch von irgendwelchen technischen Death Metal/Grindcore-Bands aus den Outbacks stammen könnten.

Cephalic Carnage haben den Fehler gemacht, ihre Geister - nicht nur im Artwork - sichtbar zu machen. Der von Kervorkian im Zusammenhang mit dem Langspieldebüt "Exploiting Dysfunction" gefallene Begriff des "Crouch End"-Effekts ist fast gänzlich verloren gegangen (nur vor "Litany of Failure" wird es etwas unheimlich). Die Vielzahl an Spielereien bewegen sich nicht nur in reichlich gewöhnlichen Gefilden (hier ein unheimliches Soundtrackintro, dort ein wahnwitziger Tempowechsel, mal ein unerwartetes Sample), sie sind auch noch derart offensichtlich in den Songs verbaut, dass man sich an den meisten nach den ersten Hördurchgängen sattgehört hat. Unberührt davon bleibt natürlich die technische Extraordinarität: Die ist noch immer beeindruckend. Aber davon kann ein Album seit der Veröffentlichungsflut von extrem probewütigen wie harten Death Metal/Grindcore-Bands auch nicht mehr leben. Höchstens eine Zeitlang oben mit schwimmen.

Beinahe aufgeräumt wirken die Songs auf "Anomalies". Früher war das Cephalic Carnage Zimmer heillos durcheinander. Der Kram drohte von den Regalen zu fallen, der Schreibtisch versank unter einem Berg Utensilien, man entdeckte zwischen Bergen an Klamotten immer mal wieder einen lange vermissten Fetisch aus der Vergangenheit. Die Suche war abenteuerlich, man musste arbeiten und war froh, etwas interessantes entdeckt zu haben. Das war "Exploiting Dysfunction". Unordentlich, aber abenteuerlich. Die neue bietet sich dem Hörer geradezu pervers an: Grindcore-Hure! Knackig, aber wo ist das Enigma geblieben! Alles geordnet, die Ordner, zweifellos prall gefüllt, stehen in Reih und Glied. Alles an Ort und Stelle, selten bleibt einem das Herz vor Freude und Angst stehen, weil man die staubbeschichtete, blutverschmierte Silberkette findet.

Das Neue hat seinen Reiz. "Halls of Amenti", die geniale Doomcore-Scheibe von CC, hat seine Spuren auch auf "Anomalies" hinterlassen. Regelmäßig ertönen brachial verlangsamte Parts, wie mit einem Jeep und angezogener Handbremse den Mount Everest hinauf. Man höre und bestaune nur die zweite Hälfte von "Piecemaker", der eine überaus schneidige Stoner/Sludge Metal Machete voraus geht, die auch kurz auf "Sleeprace" nochmal ausgepackt wird. Teufel nochmal, bretzelt das auf einen ein. Beeindruckender als alle vier Grindcore-Metzler davor. Gleiches gilt für den Anfang von "Kill for Weed" - kaum wird wieder das Lieblingsthema der Cephalischen angeschnitten, laufen sie zur Höchstform auf. Was sind das nur für Gitarrenwälle - und Einfälle. Und um die Langsamkeit noch deutlicher hervorzuheben bauen die fünf einfach ein paar extreme Highspeedparts ein. Und dazu noch cleanen Gesang. Vielleicht das Highlight auf "Anomalies".

Wie auch der Humor von Cephalic Carnage schon immer ein Highlight war. Dort, wo andere Ami-Deather bierernst vor sich hin grunzten, hauten Cephalic Carnage doppeldeutigen wie albernen Humor auf ihre CDs und in deren Artwork. Hier und heute: "Lyrics and Music by Cephalic Carnage (unfortunately)". Engagieren einen "Happy Pappy" für die Effekte. Danken "Close Friends" und "Not so close Friends (Fuckers)". Und, der Gipfel: Verarschen Metalcore in "Dying will be the death of me" (der in der Tat die Hälfte der aktuellen Bands mit Rang und Namen an die Wand spielt) und lassen Dave Otero in bester Power Metal-Manier den Refrain ("Daaaaaiing...") singen. Ohne Worte.

Die restlichen Songs auf "Anomalies" bewegen sich im Feld zwischen hochtechnischem und abwechslungsreichen Grindcore ("wraith", "enviovore") und Death Metal ("Counting the day" und, schneller, "The Will or the way"), die allesamt solide und gut gemacht sind, aber zu oft das gewisse Etwas vermissen lassen und im schlimmsten Fall (zum Glück selten) als Aneinanderreihung von Riffs, Rhythmen und verschiedenen Stilrichtungen enden.

Am Ende noch eine kleine Überraschung: Das fast zehnminütige "Ontogeniy of Behaviour" hält die karge, fast schön zu nennende Instrumentierung vier Minuten lang durch, ehe sich daraus über einen kurzen Midtempo-Part ein dissonanter Grindcorebrecher entwickelt. Gelungen.

Aber die alten Cephalic Carnage sind wohl verschwunden. Wie einer ihrer alten kranken Einfälle, die man manchmal nicht mehr wieder findet. Im (geordneten?) Chaos.

17.06.2005
stativision (Tobias Goris)


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!