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cave, nick and the bad seeds - no more shall we part


Erscheinungsjahr: 2001
Label: mute
Tracks: 12
Spielzeit: 67:41
Genre: alternative
Subgenre: singer/songwriter
cave,nick.jpg
Bewertung: 9/10

rating

Schon die Vorabsingle des neuen Nick Cave Werkes, "As I sat sadly by her side" kündigte kleine Veränderungen an im Hause des schlaksigen Sängers.
Ehemals konnten die finsteren, makabren und traurigen Texte kaum tief genug aus der Kehle Caves (sic!) entweichen, hier und heute aber sind auch mal eine oder zwei Tonlagen höher angebracht.
Das war auch schon die größte Änderung im Sound Nick Caves und der ihn fast ständig begleitenden "bad seeds", die aus so illustren Personen wie Blixa Bargeld oder Mick Harvey bestehen.
Ansonsten ein Querschnitt der Alben der 90er Jahre.

Vom 90er Album "the good son" behält man die zahlreichen balladesken und elegischen, mit Streichern unterlegten Parts bei; mit den aufbrausenden und pathetischen Teilen neigt man sich dem 92er "henry´s dream" zu. Dem Hitalbum "Murder Ballads" entleiht man die Anspielungen auf ältere, insbesondere amerikanische Folkmusik, sowie Blues und Singer/Songwriter.
Schlussendlich findet man auf "no more shall we part" auch noch ganz unprätentiöse und sparsam instrumentierte Lieder im Stile von meinem immer noch favorisierten "Boatman´s Call".

Allerdings wäre es nicht Nick Cave, wenn das Album nicht noch mehr Facetten zu bieten hätte.

Wie der schon erwähnte, veränderte Gesang: Da, wo Cave früher fast schon Grabeskälte verströmte, werden die Lyrics nun mit wesentlich mehr Geist und Seele vorgetragen. Abundzu klingt sogar ein bisschen Soul durch, wenn Cave leicht gepresst auch mal die höheren Tonlagen erforscht.
Im Kontext bringt das den Stücken eine bisher fern gebliebene latente Entspanntheit, auch wenn das nicht immer durchdringt, auch wenn Cave dieses neue Element in seinem Kosmos nicht immer einsetzt.

Die erwähnte Singleauskopplung (übrigens wie alle Stücke nicht wirklich repräsentativ für dieses Werk), wird mit der richtigen dezenten Instrumentierung eingeleitet, die für den Opener angebracht ist.
Wir werden durch eine Akkorde spielende akustische Gitarre, düstere Streicher und einen pulsierenden Bass, sowie leises, eine schöne Melodie spielendes Klavier in die Parallelwelt Caves entführt, der das Ganze mit seiner Stimme krönt, die hier fast schon philosophische Grundlagen zwischen den fiktiven Charakteren des Songs diskutieren lässt. Wobei Gott natürlich nicht fehlen darf:
"God has given you but one heart, you are not a home for the hearts of your brothers". Einen Freischein zum Egoismus, der uns und dem Ich-erzähler hier angedreht wird? Oder doch nur Geschwätz einer alten, vom Leben enttäuschten Frau? Immerhin "Great tears leaping from her eyes" nach diesem bitteren Vortrag.
Große Gesten auch hier also. Wie auszulegen bleibt jedem selbst überlassen.
Musikalisch wird das anfänglich aufgenommene Klavierthema kaum verändert, nur die Streicher setzen Akzente, ansonsten wird ganz auf des Meisters Stimme gesetzt. Und es funktioniert, dem Geschichtenerzähler wird zugehört, seine Worte bekommen durch die sanfte Monotonie und die leise Melodieführung der Streicher nur mehr Gewicht und man lauscht gespannt. Ebenso würde der Track aber auch als Backgroundmusik beim Bügeln funktionieren, wozu dieser freilich zu schade wäre.

Bereits im folgenden Titelsong, lässt Cave uns offensichtlich an seinem neuen Glück teilhaben. "And no more shall we part".
Nie mehr scheiden?
Eine Hoffnung, ein Wunsch, eine Tatsache. Was auch immer, die leicht positive Grundstimmung lässt sich trotz der melancholischen Melodien nicht verneinen. Einer der unaufdringlicheren Tracks des Albums, mit 4 Minuten auch einer der kürzeren. Hauptsächlich von Klavier und Stimme getragen, die Streicher, ebenso wie die spärlichen weiblichen Backgroundvocals hier ein schmückendes Beiwerk, schön aber entbehrlich - man merkt den Songs an, dass sie in einem Arbeitszimmer mit Klavier entstanden sind.
Diesem hier ebenso wie dem leicht kitschigen, romantischen "love letter", ein schlichtes Liebeslied, natürlich nicht ohne Ängste: "Losing her again is more than i can bear", aber dennoch, soviel Licht war noch nie auf einem Cave-Album zu spüren, was sich auch in den Melodien ausdrückt, teilweise fast schon Hollywoodschmalz verbreitend, mit dem Unterschied, dass hier alles tausendmal realistischer klingt, alleine schon weil die Stimme nicht perfekt ist, weil sie bricht und Melodielinien einfach verweigert, andere unerwartete dagegen annimmt.

Und das ist auch der Grund, warum man Nick Cave nie kitschig nennen sollte, denn Kitsch kratzt Schönheit an der Oberfläche.
Es wäre vordergründige Schönheit, ohne Makel und damit per se nicht die Schönheit definierend.
Nick Cave dagegen baut durch seine Texte immer wieder den nötigen Gegenpart zur Musik ein, die entweder tiefgründig in des Rezipienten Gehirn eindringen, oder auch manchmal einfach als großartige Geschichten passieren, ohne anzuklopfen eintreten und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Musikalisch sind immer kleine Raffinessen mit eingebaut, die dem flüchtigen Hörer entgehen und damit Stoff für künftige Hörerlebnisse bilden.
Immer wieder werden Erwartungshaltungen gebrochen, meist durch irgendwelche melodischen Quereinschübe, oder durch unglaublich geniales Einsetzen der Stimme in einem anderen Tonfall.

Oder man entgeht dem Vorwurf, zu pathetisch zu sein im Voraus, wie im Song "God is in the House", der sanft, aber eindringlich seinen Weg in die Gehörgänge sucht, ohne auch nur eine Schicht zuviel aufzutragen. Hier ist jede Note sinnvoll und angebracht. Die einschmeichelnden Backgroundvocals der McGarrigle Schwestern stehen vordergründig in Einklang mit dem Text, der eine Kleinstadt ohne Gebrechen beschreibt. "We´ve lit our town so there is no place for crime to hide". Das alles mit soviel Sorgfalt gemacht, dass Schwule und deren Basher in den großen Städten bleiben. Weitab von der schnuckligen kleinen Stadt mit - Gott was sind sie liberal - der netten Frau als Oberhaupt.
Nur - wo bleibt Gott?
"Any day now he´ll come out"
Bleibt Wunschdenken. Fast verzweifelt. Kommt auch nach fast gänzlichem Verstummen Nick Caves, der hier eine stimmliche Paraderolle vorlegt, nicht heraus:
"I wish he would come out"

Es fällt auf, dass die von Harvey und Warren Ellis arrangierten Streicher oft, fast schon zu oft eingesetzt werden, spätestens bei "sweetheart come", das wie einige andere Stücke auch an die Tindersticks erinnert, wäre weniger auf den ersten Blick mehr gewesen, allerdings entpuppt sich das Ganze bei genauerem Hinhören als eine zusätzliche Facette, auf die man sich einlassen kann, aber nicht muss. Ein Schmankerl auf einem Kuchen ist natürlich eine Kalorienbombe, aber das Auge isst schließlich auch mit, und wenn die Songs so fantastisch, teilweise altbacken folkig, teilweise auch moderner untermalt werden, so dass die ursprüngliche Stimmung nicht verloren geht, dann ist das die ganze Sache doch wert.

Und immer fällt die Affinität zu Gott auf, die offensichtlich auch durch die Streicher repräsentiert wird.
Ob zynisch, wie in "God is in the house", oder enttäuscht wie im Opener. Oder Hoffnung tragend, wie in den Liebesliedern.
Und für jeden ist er anders präsent: Im längsten Stück der CD, dem fast achtminütigem "hallelujah" zum Beispiel als gestrenge Krankenschwester, die den Protagonisten, der ausbüchst und der Versuchung der weiten Welt in Form einer jungen Frau widersteht, zu sich zurückholen kann, weil unser "Held" versteht, dass sie das einzige Heil für seine Welt ist.
Musikalisch eines der besten Stücke Caves ever, passgenau sitzt hier besonders das folkige Streicherarrangement, und die Bad Seedsche Rhythmussektion, die genau dann Akzente setzt, wenn es notwendig ist.
Den hochtrabenden, zu höherem bestimmten Refrain brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Schon mehr dagegen die aussergewöhnliche stimmliche Leistung der zwei Backgroundvocal-Frauen, die hier nach dem Ausblenden des restlichen Liedes noch eine geisterhafte Performance per Excellence zum Besten geben. Vorsicht: Nichts für gewöhnliche Ohren.

Kommen wir zum zweiten, besonders Musikliebhaber lauter Musik interessanten Teil: Bis auf das letzte Album bot jedes Nick Cave Werk auch den ein oder anderen musikalischen Ausraster, ich erinnere mich mit Wehmut an das von Metallica zwar adäquat umgesetzte, aber längst nicht an die Impulsivität und das Psychotische des Originals heranreichende "Loverman" oder die zahlreichen mitreißenden Stücke des "Henry´s dream" Albums.
Das war zwar bevor Nick Cave mit "The Boatman´s Call" einen anderen, ganz eigenen Stellenwert bekam, aber nichtsdestotrotz heiße ich diese Parts in ihrer grandiosen Rückkehr ganz besonders willkommen.

Bei dem intensiven "fifteen feet of pure white snow" werden auf dieser CD zum ersten Mal die Fähigkeiten der Bad Seeds ausgestestet auch höhere phonetische Parts zu meistern.
Test natürlich bestanden. In dem Stück, in dem es um die Veränderung in Menschen angesichts Naturgewalten geht, wird der Text und die beklemmende Klaustrophobie, sowie das verzweifelte Anbeten - "Oh my Lord" - kongenial umgesetzt, von der spärlichen Bass- und Gitarrenlinie wird man atmosphärisch in die Systematik eingeführt, so dass man fast mitleidet, wenn die Bad Seeds in voller Grösse einsetzen und auch mal ein Männerchor einsetzt, um das Aufbrausende und das verzweifelte Anrufen angemessen zu vertonen.
Was ein Monument.

Der Anruf an den Herrn wird später sogar im Titel fortgesetzt, "Oh my Lord" erzählt von düsteren Vorahnungen und seelischen Abgründen. Wieder wird Heil im Zwigespräch mit Gott gesucht: "Oh Lord, How have i offended thee". Die Frage bleibt unbeantwortet, und beim weiteren Abstieg in seelische Abgründe, die in Form von bizarren Ereignissen symbolisiert werden, wird auch der Song intensiver und mitreißender, die Violinen klagen, die Stimme ist gepresst, das Schlagzeug wird schneller, das Klavier überschlägt sich, wobei der Song in einer bestimmten Spannung bleibt, nie kommt es zur finalen Katharsis, nie zur Explosion, es bleibt kurz davor, Coitus Interruptus. Genauso offen, wie das Ende der Geschichte, obwohl man weiß: Es kann nichts Gutes dabei herauskommen.

Spätestens bei dieser tonalen Darbietung muss ich leider ein wenig an Tom Waits denken, es ist die gleiche desperate, barschwangere Düsternis, die auch in Caves Stimme liegt, freilich nicht Pennermässig, sondern immer und stets erhaben und Gottgleich, etwas Reines in sich tragend.

Der Höhepunkt ist allerdings "The sorrowful wife", das mich mit seiner wunderschönen Pianobegleitung und späteren Entladung sogar an neuere Stücke Anathemas erinnert.
Meisterhaft wird man im ersten Teil des Liedes von den Melodien eingelullt, nur, um nach zweieinhalb Minuten schreckhaft aus seinen Träumen gerissen zu werden, weil der Song in lautere Sphären eruptiert und die unglaubliche Energie einer 10 Mann starken Band spüren lässt. Cave in seinem Metier, noch immer hat er den energischen Frontmann, den er damals bei der "Birthday Party" repräsentierte drauf und nur wenig von seiner Substanz verloren.

So erscheint alles, was auf dem Album nach diesem 9. Song kommt, ein wenig saftlos. So, als wäre nicht mehr genug Futter dagewesen, aber nach eingehender Betrachtung ist der abschliessende Ruhepol von drei Songs am Ende der CD mehr als gut gewählt.
Nichts herausragendes, wobei aber "we came along the road" doch eines der schönsten Tracks markiert, weder über-, noch unterladen, ein zeitloses Stück Musik, das auch auf "The Boatman´s Call" hätte stehen können, wäre es mit weniger Wärme gesegnet. So erinnert es an einen kurzen Film, der die Fähigkeit hat, zu wärmen, es hat etwas Sehnsucht erweckendes. Sehnsucht nach Geborgenheit, die zum Teil schon mit diesem Lied befriedigt ist.
Ähnlich verhält es sich mit dem folgendem "gates to the garden", was auch vom Titel her etwas von einer Fortsetzung hat: Nach einem langen Weg nun die Ankunft nach dem wonach man Sehnsucht hatte?
Erinnert übrigens mit der Textzeile
"Won´t you meet me at the gates
to the garden"
schwer an das Neubautenlied "the garden", in dem es heisst:
"you will find me if you want me in the garden".
Zufall oder gewollt? Bleibt wohl dem Betrachter überlassen...

Auf jeden Fall stellen die letzten drei Songs die größten Lichtblicke (nicht die besten Songs) auf dem ganzen Album dar. Hier trüben nur kleine Schatten die Idylle, obwohl das letzte Kleinod auf den Namen "Darker with the Day" hört.
Ein Abschluss eines Albums, das nicht viel besser hätte ausfallen können.
Die im Text erwähnten "Magnolias, Camellias and Azaleas", die im Garten der vermissten Geliebten stehen, finden ihre Präsenz im Artwork wieder, das ein (wenig) expressionistisches Gemälde Tony Clarks zeigt und auch in Ausschnitten unter den Texten liegt. Düster, aber nicht ohne Hoffnung.


Was bleibt zu sagen?
Das dies das bisher reifste Album Caves ist, eines in Würde alternden Singer/Songwriter, der mit den Bad Seeds wohl eine der besten Backing Bands der Welt hat?
Das wurde wohl auch von den meisten erwartet, schliesslich hat er sich bisher mit fast jedem seiner Werke zu steigern gewusst.
Es ist auf jeden Fall das geschlossenste, vielseitigste und schönste Nick Cave Album.
"the Boatman´s call" bleibt vielleicht länger im Gedächtnis, es ist vielleicht eindringlicher, wird aber nicht so oft gehört werden, wie dieses Werk, welches das eines erhabenen wahrlich erwachsenen Künstlers repräsentiert, der es versteht, so mit Klängen zu malen, wie es andere mit Farben machen. Düster und kräftig, aber wenn es sein muss auch licht, exakt und feinfühlig, niemals mit der Keule (in welcher Hinsicht auch immer) hantierend.

Eines der wenigen Alben, deren Lyrics auch ohne Musik Bestand haben können.
Nick Cave kommt ohne Referenzen aus, er ist selber eine.

18.03.2005
stativision (Tobias Goris)


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  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!