. .

brown, chris - rogue wave


Erscheinungsjahr: 2005
Label: tzadik
Tracks: 6
Spielzeit: 63:59
Genre: avantgarde
Subgenre: electronic composition
brown_wave.jpg
Bewertung: 8/10

rating

Bei Musik, die von einem Professor für Komposition und elektronische Musik und Co-Direktor des Zentrums für kontemporäre Musik geschaffen wird, darf man ruhig skeptisch sein. Zu verkopft? Ohne Not unverständlich? So durchdacht, dass jedes Gefühl, jeder Spaß auf der Strecke bleibt?

Die Werke von Chris Brown kann man sich auch ohne fundierte Kenntnisse in Musiktheorie anhören, ohne dass man Kopfschmerzen bekommt. Richtig ist aber, dass seine Musik stets etwas kopflastig und sehr durchdacht ist. Allerdings kann man sich auch hervorragend daran delektieren, wenn man die Geräusche, Beats, Melodien und Atonalitäten einfach so auf sich einprasseln lässt. Solange man ein Faible für etwas abgedrehte und komplexe elektronisch-akustische Kompositionen hat.

Die Basis für sämtliche Chris Brown Werke stellt auf der einen Seite (moduliertes) Schlagzeug und Percussion dar, auf der anderen Seite musikalisch verknüpfte Computernetzwerke und moderne Klassik auf Klavier und (seltener) Streichern, insbesondere Violine. Die Kompositionen des Kaliforniers sind musikalisch konzeptlastig, selten kommt ein Werk ohne experimentelle, oft der Natur entnommene, Hintergrundgedanken daher. Für "Lava" hat er beispielsweise versucht, einen Vulkanausbruch inklusive aller Dynamik und Veränderungen mit diversen elektronisch veränderten Percussioninstrumenten zu vertonen.

"Rogue Wave" ist kein zusammenhängendes Konzeptalbum, es ist mehr eine Retrospektive, auf der sich Alt und Neu versammeln. Vier Songs aus den 2000ern treffen auf "Flies" von 1994 und "Alternating Currents" (1984). Die älteren Tracks markieren dabei eher den mittlerweile klassischen Ansatz, akustische Klassik mit Elektronik zu verbinden, die neueren Songs sind rein für Elektronik, Percussion und Computernetzwerke komponiert. Die beiden besten Songs der CD sind lustigerweise der älteste ("Alternating Currents") und der neueste ("Rogue Wave"). Ansonsten aber strahlen die neueren Songs weniger Charme aus, doch sie sind interessanter anzuhören.

Den Einstieg macht "Transmission Tenderloin", der auf einer Live-Ausstrahlung auf einem Piratenradiosender beruht und durch die Radios der Zuhörer erst an den Mann gebracht wird - so entsteht ein multidimensionales Netzwerk aus Sounds in einer räumlich beschränkten Gegend. Eine zusätzliche sozialkritische Komponente kommt durch die Wahl des Ausstrahlungsortes hinzu: der Tenderloinbezirk in San Francisco ist durch eine große Obdachlosengesellschaft gekennzeichnet, aber ebenso durch seine Lebendigkeit und Multiethnik. Das Stück ist geprägt von düsteren, sich überschlagenden Beats und seltsamen, abebbenden Geräuschen, überlagert von zahlreichen Samples - Stöhnen, andere seltsame Vokalgeräusche, eine fast schon industrial-artige Gitarre. Die Atmosphäre ist bedrohlich und erotisch, entlädt sich aber nie und durch die immerwährende Bewegung erhält das Stück eine Leichtigkeit. Könnte durch die viele klassisch elektro-/industriallastigen Parts auch solchem Publikum gefallen.
Später entpuppt sich das mit sieben Minuten kürzeste Stück der CD aber auch als das schwächste. Viele der Sounds und Beats bleiben doch zu sehr in einem Muster gefangen, manche der Samples werden zu oft benutzt und sind auch nicht unbedingt so einfallsreich. (6,5/10) Das wird aber erst klar im Vergleich mit den ideenreichen folgenden Stücken. "Retroscan" für Piano und Elektronik, indem sämtliche mit dem Piano möglichen Sounds elektronisch aufgegriffen und manipuliert werden. Hier werden noch vor kurzem gespielte Geräusche und Töne aufgegriffen, verändert und derart wieder in den Raum gespuckt. Komplexität wie die eines Gedächtnis, nichts war wahrhaftig so, wie es im nächsten Moment erscheint. Ein Konzept, aus dem Brown ein anfangs vielleicht etwas richtungsloses, mit Hineinwachsen aber vielseitiges und logisches Stück entwirft. (8,5/10)

"Rogue Wave" hingegen lebt von der Überraschung. Wie die Rogue Wave - eine Riesenwelle, die man kaum kommen sieht - tauchen hier wie aus dem Nichts Attacken von DJ Eddie Def an den Turntables und William Winant an Percussion und mit Samples aus seinem Orchester aus dem leise vor sich hin blubbernden und tickernden Elektronikmeer von Brown auf. (9/10) Ähnlich chaotisch wirkt "Flies" in dem Brown versucht, die Vielfalt der Bewegungen einer Stubenfliege mit Hilfe eines elektroakustischen Instrumentarium nachzuahmen. Das Abel-Steinberg-Winant Trio macht seine Sache an Violine, Piano und Percussion hervorragend und die subtil eingesetzten Elektronika von Brown ergänzen da, wo es notwendig ist - aber meistens schleichen die eher im Untergrund vor sich hin und lassen die Fliege mit Beinen und Rüssel zucken. (8,5/10)

"Cloudstreams/Bellweathers" (zweigeteilt) ist das einzige komplette Computernetzwerkstück auf "Rogue Wave". 5 miteinander vernetzte Elektronik-Musiker sitzen an ihren Bildschirmen und komponieren/improvisieren über der von Brown selbst progammierten Software SuperCollider2 - die Musik entsteht in "Cloudstreams" aus Mausgesten, die sich zu einer mannigfaltigen fast symphonischen, sehr weiten, aber dichten Soundfläche zusammensetzen. Sieben Minuten irgendwo zwischen durchgedrehter Orgel, Tubular Bells und wolkigem Dröhnen. Der zweite Teil ist mit vier Minuten zwar deutlich kürzer, aber überzeugender. Aus dem genialen, knispeligen und mäandernden Backgroundsound erhebt sich solo ein himmlisches Läuten mit einem leicht dämonischen Lächeln (tut bei hoher Lautstärke in den Ohren weh), dazwischen passiert allerhand merkwürdiges, von seekrankem orgeln bis hin zu brausendem Blubbern. (7/10)

Das abschließende, mit 15 Minuten längste Stück der CD "Alternating Currents" wurde im Original 1983 von Kent Nagano für ein Orchester in Auftrag gegeben. Besonders die im Eigenbau entstandenen elektroakustischen Instrumente erinnern ein wenig an die stilleren Momente der einstürzenden Neubauten, ansonsten ist das eins der besten Stücke der modernen Klassik, die Elektronik und Akustik miteinander kombinieren. Eine konstante Veränderung von Raum, Zeit, Geschwindigkeit, Rhythmus, Klangfarbe, Tonalität und Dichte durchzieht das ganze Stück, während die Trombone naive bis atonale Melodien vor sich hin bläst ändert sich im Hintergrund die Percussion und die drei elektroakustischn Instrumente bilden sich zu immer neuen, organischen bis künstlichen Klanggebilden heran. Hier ist Chris Brown wahrlich großes gelungen. Vor allem der Beweis, dass sich Elektronik und Akustik perfekt ergänzen und mehr bilden als die Summe der Teile. (9,5/10) Was für weite Teile des Albums gilt.


Ähnlich:
Brad Lubman, Philip Gelb, William Winant, Larry Ochs, The Room, Glenn Spearman, Barry Guy, Marilyn Crispell, John Zorn, Wadada Leo Smith, Anthony Braxton, Lawrence Butch Morris, The Hub, Guillermo Galindo, Terry Riley, James Tenney, DJ Eddie Def, Gordon Mumma, David Rosenbloom, William Brooks, Karlheinz Stockhausen

04.03.2006
stativision (Tobias Goris)


:: Comments ::


Comment
Name:

Comment:

Security question, please solve:

3K9         WKI      
6 L    P    2 5   YEM
P4W   3SY   MOK      
H T    D    S K   18O
3TW         8LN      



Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!