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beck, jeff - you had it coming


Erscheinungsjahr: 2000
Label: epic/legacy
Tracks: 10
Spielzeit: 35:59
Genre: rock
Subgenre: electro bluesrock
beck,jeff.jpg
Bewertung: -/10

rating

Bluesrock meets Drum'n'Bass

Jeff Beck hat paradoxerweise viele Fans aus der Fraktion, die glaubt, seit Mitte der 70er habe sich in der Rockmusik nichts weltbewegendes mehr getan. Bin ich zum Beispiel bei Leuten, die vorschlagen, den Gitarristen mit dem kräftigen Jazzrock- und Blueseinschlag aufzulegen, dann fange ich dort möglichst keine Gespräche über Musik an. Schließlich ist nichts sinnloser und langweiliger als Überzeugungsarbeit bei jemandem zu leisten, der zu bequem ist, das vertraute bluesige Rocklager aus Hendrix, Led Zeppelin, den Stones etc. zu verlassen.

Dabei kann man sich bei Beck spätestens seit "Jeff Beck's Guitar Shop" (1989) nicht mehr auf Wiederholungen und Verfeinerungen seines melodiösen bluesigen 70er Jahre Edelsound verlassen: Mehrmals überraschte er seitdem mit Alben, auf denen er seinen Stil sensibel mit aktuellen Richtungen und Aufnahmetechniken verschmilzt. ("Crazy legs" von 1993 fällt als reines Rockabilly-Album völlig aus dem Rahmen.) Es fällt mir schwer, hier nicht eine einzige Lobeshymne auf den mittlerweile 56-jährigen zu starten, denn wo kennt man so einen musikalischen Werdegang über die Jahrzehnte bei hochkarätigen Rockgitarristen schon? Das beste, was einem passieren kann, ist anscheinend das Halten eines hohen Niveaus, das häufigste ein Abdriften in langweiligen, viel zu zurückhaltenden Pop (siehe Santana, Clapton, Page u.v.a.). Könnt Ihr Euch eine Drum & Bass Aufnahme von Clapton oder Santana vorstellen, die Sinn macht und nicht peinlich klingt? Ich auch nicht.


And here we proudly present (Tusch!):
Eine selten so logische und dabei noch knallende und extrem tanzbare Fusion von Blues und Jazzrock mit Drum & Bass, Techno und Sampleorgien: "You had it coming" von ihrer Majestät Jeff Beck. Meine Enttäuschung über die nur 36 Minuten Laufzeit löste sich schnell in Luft auf, denn dieses Album ist intensiv und packend von Anfang bis Ende.

1.Anspieltip "Rollin' and tumblin'"
Ein gutes Beispiel für diese gestern-heute-Verschmelzung ist "Rollin' and tumblin'": Einer knackiger, metallischer Gitarrensound grundiert mit einem fetzigen Stop and Go-Riff in bester Rock'n'Roll-Tradition. Dazu ebenso periodische ganz-oder-garnicht-Einsätze von souligen Vocal-Samples und sehr schnellen Drums, die wie eine leerlaufende, durchdrehende Maschine klingen. Drums und Soundeffekte, ich denke allesamt programmiert, sind hier wie auf den anderen härteren Tracks bereits so intensiv, daß eigentlich gar kein Platz für die Gitarre mehr übrig scheint. Es entsteht eine Rivalität, ein scheinbarer Kampf von Becks Gitarren mithilfe aller erdenklichen Spieltechniken und Sounds um Oberhand im elektronischen Sound-Dschungel. So paßt selten ein hauchdünnes Blatt Papier zwischen zwei Noten, alles ist ungeheuer dichtbeladen produziert. Insgesamt klingt das, als ob eine (aus heutiger Sicht!) verschlafenste Blues- /Country-Kapelle á la Cannet Heat oder Country Joe McDonald im Zustand eines elektrischen Dauerschocks spielen würden...

2.Anspieltip: "Left Hook"
Ähnlich hart, treibend, mit vielen Effekten aufgeladenen
Spiel (wie die meisten Tracks) ist "Left Hook". Stressiger, aufdringlicher Drum & Bass-iger Rhythmus gegen ein hartes Unisono-Bluesriff, verstärkt durch verzerrte Akkord-Schreie und filigranen Hochgeschwindigkeits Fill-Ins. Nach dem "Oaoh!" des ersten Eindrucks, dem Geplättetsein von kompakter Rockmusik mit vielen vordergründigen technischen Sound-Finessen machen mir Becksche Songs in Glanzmomenten wie diesen jedoch auch nach 20mal Hören Spaß, weil der Mann 1. auch harmonisch ausgefeiltes Songwriting beherrscht und mich 2. auch später noch neue raffinierte Ideen für die E-Gitarre entdecken läßt.

3.Anspieltip "Nadia":
Eine Pflichtübung bei Jeff Beck Alben ist mittlerweile die getragene Ballade, bei der er ganze Melodien auschließlich mit dem Vibrato-Hebel spielt. Dadurch entsteht ein unwirklich schwebender, butterweicher Klang, ein selten so perfekt dargebotenes Aushängeschild für technisch hervorragende E-Gitarristen. Das Stück ist sehr schön, aber von dieser Spielweise Becks gibt es für meinen Geschmack auf "Blow by blow" und "Jeff Beck's Guitar Shop" Songs, für die das besser paßt.

Schade:
Das Zustandekommen dieses Albums ist null nachvollziehbar: Keine Angaben über Musiker, über Elektronik und Over-Dubs, nur "written by" wird erwähnt. Wahrscheinlich sind alle Stimmen und "Instrumente" Samples (sicher alle Drums) und die Gitarrenstimmen wurden halt einzeln darübergelegt.


Fazit:
Diese CD ist eine hochinnovative, spielerisch und kompositorisch raffinierte Verbindung von bluesigen Rock-Elementen mit 90er Elektro- und Drum & Bass Sound. Der dichtproduzierte Sound wird einigen vielleicht zu dick aufgetragen sein.
Anhang:
Welche Platten mit Jeff Beck kann man sich besorgen?
1. Jeff Beck Bands
Die Zeugnisse von Jeff Beck sind verstreut auf viele verschiedene Bands, in denen er nur kurze Gastspiele erlebte: 1965-66 mit den Yardbirds, 1968-69 mit Rod Steward und Ron Wood, 1971-72 mit der Jeff Beck Group, und Mitte der 70er Jahre mehrmals mit dem Jazzrocker Jan Hammer (Keyboarder bei John McLaughlins Mahavishnu Orchestra). Alle Alben aus dieser Zeit sind empfehlenswert bis großartig. Grooviger, stimmungsvoller, meistens ziemlich schmutziger Rock, sowie hektischer 70er Jazzrocksound mit viel Keyboardgefriggel. An den anderen Musikern ist gut zu erkennen, was für ein Sound einen erwartet (wunderbar: mit Rod Steward am Gesang!).
2. Solo
Um einen guten Eindruck über sein vielseitiges, virtuoses Spiel zu bekommen, eignen sich aber noch besser seine rein instrumentalen Solo-LPs wie "Blow by Blow" (75), "Wired" (76, mit Jan Hammer), "Jeff Beck's Guitar Shop" (89, mit Zappas Terry Bozzio und Tony Hymas), "Who else!" (1999, kenne ich noch nicht, soll aber so gut wie die Neue sein) und "You had it coming" (2001). Dann gibt's noch ein Rockabilly-Album, "Crazy Legs" (93).

17.03.2005
nightonearth


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Letzte Kommentare

  • Carsten Rothaar: In meinen Augen verdient die Scheibe ein besseres Feedback als das obige. Für eine Band ohne großes Label eine tolle Leistung. Habe die Band live beim Olgas Rock Festival gesehen und muss sagen: TOP!
  • schizoid: i love this band but i cant find this cd
  • Raven: Ok. Mein Fehler. Der Komponist ist natürlich Edvard Grieg. Und es handelt sich um die Peer Gynt Suite.
  • Raven: Soweit ich weiß, ist das Intro NICHT "Peter und der Wolf" sondern Peer Gynts "Morgenstimmung".
  • Doomboy: Die Scheibe war damals nen dauerbrenner in meinem Player Bewertung 10/10 ich liebe die alten Deathmetalscheiben is halt nix für Weicheier!